Drei Gründe, die für den Schmerz sprechen

Ein Leben ohne Leiden – wohl ein Menschheitstraum. Wissenschaftsjournalist Harro Albrecht hat ein Buch zum Thema Schmerz geschrieben. Darin erklärt er, warum Leiden Positives birgt. Es ist eine Abrechnung mit dem Dogma der Schmerzfreiheit.

Ein Mann liegt nach einem Sturz auf einem Fussballrasen. Jemand steht dahinter.

Bildlegende: Schmerzerfahrung als Inspiration und Gemeinschaftsförderer: Leiden hat auch Gutes. Getty Images

Der Verbrauch an Schmerzmitteln erzielt Rekordwerte. Die Zahl an schmerztherapeutischen Operationen nimmt stetig zu. Allein in Deutschland leiden 16 Millionen Menschen unter andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen. Der Schmerz ist das Volksleiden Nummer Eins.

Allem Fortschritt zum Trotz: Der chronische Schmerz ist immer noch ein Rätsel. Zu diesem Schluss kommt Harro Albrecht, der Jahrzehntelang dieses Thema recherchierte. Während eines Jahres schrieb der deutsche Arzt und Wissenschaftsjournalist danach sein eben erschienenes 600-Seiten starkes Sachbuch. Ein Augenöffner.

Das Dogma der Schmerzfreiheit

«Es wäre ein erster Akt der Befreiung, sich nicht um jeden Preis dem Dogma der Schmerzfreiheit zu unterwerfen, sondern die Geschichte zu begreifen, die uns der Schmerz erzählen will», sagt Harro Albrecht. Kenntnisreich führt er durch die Welt der Schmerzforschung und der Schmerztherapie.

Er spricht mit Medizinern und Psychologinnen, Hirnforscherinnen und Seelsorgern, Verzweifelten und Schmerzgeniessern, Leidenden und Hoffnungsvollen. Kurzweilig erzählt der Wissenschaftsjournalist von dem, was wir dank der Forschung wissen.

Gründe, die für den Schmerz sprechen

Spannend wird es bei den Geheimnissen und Rätseln, die uns nach wie vor Leid und Weh bescheren. Eines ist klar: Der Schmerz ist weit mehr als das Warnsignal am Ende einer Klingelleitung. Und er ist auch weit mehr als ein medizinisches Problem. Drei Gründe, die für den Schmerz sprechen:

Grund 1: Schmerz als Lehrmeister

Ein Griff an die heisse Herdplatte. Autsch! Und schon ist für immer klar: nie mehr anfassen. Es tut verdammt weh. Einmal schneiden und bluten – schon weiss man: Achtung, Messer können verletzen. Wir brauchen den Schmerz. Nur wer ihn spüren kann, kann Gefahren für Leib und Leben aus dem Weg gehen. Harro Albrecht besuchte in der südisraelischen Wüstenstadt Be'er Scheva Beduinenkinder mit einem bemerkenswerten Gendefekt: Diese Kinder kennen kein Schmerzempfinden. Was auf den ersten Blick wie ein Wunschtraum klingt, ist auf dem zweiten Blick ein Alptraum. Diese Kinder sind alle verwundet und verstümmelt. Einigen fehlt bereits ein Arm oder ein Bein. Nichts tut ihnen weh. Genau deswegen geht es ihnen sehr schlecht. Sie werden wohl nicht sehr alt werden.

Grund 2: Schmerz als Kommunikator

Jeder Schmerz wird ausgedrückt. Mimisch. Sprachlich. Gestisch, mit Tränen oder mit allen Formen gleichzeitig. Diese Art sich auszudrücken ist nicht vergeblich – es ruft andere auf den Plan: Mitfühlende, Helfer, Retter und Tröster. Sie sind, so Harro Albrecht, das beste Schmerzmittel. Das weiss jede Mutter, die ihrem Kind mit einer Beule am Kopf das «Heile, heile Säge»-Lied singt. Dieses beruhigende Ritual in Körpernähe stärkt das Sicherheitsgefühl und das Gefühl der Zugehörigkeit. Beides entstresst und nimmt den Schmerz. «Ist die Krise gemeinsam bewältigt, belohnt das Gehirn die Beteiligten mit dem Wohlfühlbotenstoff Dopamin und Endorphinen», schreibt der Experte. Ausserdem: «Für die gelungene Gruppenbildung gibt es einen Bonus in Form der hormonellen Bindungsklebestoffes Oxytocin.»

Grund 3: Schmerz als Inspirationsquelle

Hans Holbein verarbeitet im 16. Jahrhundert in seinem Gemälde «Toter Christus im Grabe» die Erfahrung des Schmerzes für die christliche Heilsvorstellung. Edvard Munch machte mit seinem weltberühmten Bild «Der Schrei» seinen inneren Qualen Luft. Der Kopfwehpatient Friedrich Nietzsche nahm seinen Schmerz zum Anlass zu hadern und zu weinen – aber das Leid hat ihn auch zu philosophischen Höhenflügen angeregt. Jedes Requiem ist eine Komposition zur Trauerminderung. Wie viele Gedichte und Lieder gäbe es nicht, wenn Liebeskummer kurz und schmerzlos weggezaubert werden könnte? Würden wir den Juristen Franz Kafka kennen? Und was wäre Marcel Proust ohne Leidenserfahrung? Schmerz ist die Grundlage vieler Religionen und Motor der Kultur. Ohne Schmerz keine Kunst, weniger Sprache und weniger Denken.

«Das heisst nicht, dass wir den Schmerz verklären dürfen», sagt der Arzt und Autor Harro Albrecht. «Ich kritisiere nur das Ideal der Schmerzfreiheit.»

Buchhinweis

Harro Albrecht: «Schmerz. Eine Befreiungsgeschichte».
Pattloch, 2015.

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