Droht ein neuer Bürgerkrieg im Libanon?

Der Libanon ist vom Bürgerkrieg in Syrien besonders betroffen. Die über 190’000 syrischen Flüchtlinge sind für das kleine Land eine schwere Last. Zudem haben viele Libanesinnen und Libanesen Angst vor einem neuen Bürgerkrieg im eigenen Land.

Tripoli, eine Küstenstadt im Nordlibanon nahe der syrischen Grenze. In einer offenen Halle im Messegelände sitzen über 100 syrische Frauen, Männer und Kinder und warten auf ihren Termin bei der Uno-Flüchtlingsorganisation, um Gutscheine für Essen und Kleider zu erhalten. Der Mittvierziger Jasem El Khaled traf mit seiner Frau und fünf Kindern erst vor wenigen Tagen in Tripoli ein. Der Horror steht ihnen noch ins Gesicht geschrieben. «Ich hatte solche Angst um meine Kinder. Jeden Tag Schüsse und Bomben, jede Minute fünf Tote,» erzählt El Khaled.

Seit Beginn des Konflikts in Syrien haben über eine halbe Million Menschen das Land verlassen, mehr als 190'000 sind in den Libanon geflohen. Im grenznahen Tripoli ist der Wohnraum knapp geworden – und teuer. Jasem El Khaled lebt mit 15 Personen in einer Drei-Zimmer-Wohnung, die Miete beträgt 450 Dollar. In der Heimat könnte er für diesen Preis ein Haus mieten. Doch die Flüchtlinge haben keine andere Wahl.

Die Regierung will keine Flüchtlingslager

Anfangs empfingen die Libanesen ihre syrischen Brüder und Schwestern mit offenen Armen. Als vor sechs Jahren Israel Libanon bombardierte, waren viele selber nach Syrien geflohen und wollten sich nun für die Gastfreundschaft revanchieren. Doch auf die Dauer ist das nicht tragbar.

Dennoch will die libanesische Regierung keine Flüchtlingslager im eigentlichen Sinn bauen. Zu gross ist die Angst vor einer ähnlichen Situation bei den Flüchtlingen aus Palästina: 1948, bei der Staatsgründung Israels, flüchteten Zehntausende in den Libanon, viele hausen bis heute in den Slums der Vorstädte.

Der Konflikt in Syrien verhärtet die Fronten im Libanon

Im Libanon haben viele Menschen zudem Angst vor einem neuen Krieg im eigenen Land. Die Narben des libanesischen Bürgerkriegs (1975-1990) sind noch nicht verheilt. Der Konflikt in Syrien vertieft im Libanon den Riss zwischen denjenigen, die auf Seiten der Revolution stehen, und denen, die nach wie vor für das syrische Regime sind.

Besonders stark ist diese Kluft in Tripoli zu spüren, in dem Viertel rund um die Damaskus-Strasse: Befürworter und Gegner der Revolution liefern sich regelmässig Scharmützel, es gibt immer wieder Todesopfer, und einige Libanesen gehen sogar über die Grenze und kämpfen in Syrien mit - auf der einen oder andern Seite.

Der friedliche Schein trügt

In der Innenstadt von Tripoli deutet jedoch nichts auf eine ungewöhnliche Situation hin, es herrscht geschäftiges Treiben. Doch der Schein trügt. Erst gerade ist es der libanesischen Armee mit einem massiven Aufgebot wieder einmal gelungen, den Konflikt einzudämmen.

«Die Lage ist sehr schlecht. Ich kann die Syrer gut verstehen, weil ich gerade das gleiche erlebt habe», sagt eine Schmuckverkäuferin aufgeregt. «Ich musste vorübergehend aus meinem Haus ausziehen, und bin erst heute zurückgekehrt.» Ausserdem habe sie fast keine Kunden mehr. Dabei ist der Souk von Tripoli der berühmteste im ganzen Land.

Ein Bericht des unabhängigen Think-Tanks «International Crisis Group» bestätigt die Einschätzung, dass in Tripoli extremistische Kräfte Menschen instrumentalisieren, die nichts mehr zu verlieren haben. Der Konflikt in Tripoli widerspiegle exemplarisch die Situation im gesamten Land, so der Bericht.

Die extremistischen Kräfte gewinnen massiv an Bedeutung

Die libanesische Regierung vernachlässigt das Viertel rund um die Damaskus-Strasse seit Jahren. Eine grosse Anzahl junger Männer sind schlecht ausgebildet und ohne Arbeit - da locken die vielen verschiedenen islamistischen Gruppierungen mit einer attraktiven Alternative. Sie springen in die Lücke, die der Staat hinterlässt: Sie bauen Strassen und Schulen und zahlen ihren Anhängern Löhne.

Der Soziologe Ahmad Beydoun beobachtet mit Sorge, dass extremistische Kräfte sowohl auf Seiten der Sunniten wie auch der Schiiten derzeit am Aufrüsten sind – eine Art konfessionelles Wettrüsten: «Wenn sich die beiden Seiten einmal nicht mehr einig sein sollten, wird das zu einer sehr gefährlichen, ja vielleicht fatalen Situation führen.»

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