«Dumm und dick»: Wie Frau Buri zum literarischen Vorbild wurde

Von klein auf musste sie auf die Zähne beissen: Rosmarie Buri wuchs in schwierigen Verhältnissen auf, hatte Probleme in der Schule und litt unter ihrem Übergewicht. Bis sie ihre Lebensgeschichte niederschrieb – und über Nacht zum literarischen Vorbild wurde. Vor 20 Jahren starb sie an Krebs.

Rosmarie Buri sitzt am Tisch. Auf diesem ist das Buch «Dumm und dick» aufgestellt.

Bildlegende: Die Hausfrau, die zur Identifikationsfigur wurde: Rosmarie Buri. Keystone

Das war neu in der Schweizer Bücherlandschaft: Eine Hausfrau, die sich wegen mangelnder Bildung und grossem Übergewicht stets geschämt hat, tritt an die Öffentlichkeit mit einem eigenen Buch.

Mehr noch: Ihre demütigenden Erfahrungen, die sie in ihrem Buch «Dumm und dick» schildert, treffen offenbar einen Nerv. Zu Hunderten strömen die Leute an ihre Lesungen oder hängen an ihren Lippen, wenn sie in Talkshows am Fernsehen – wie zum Beispiel als Gast von Kurt Aeschbacher – in kernigen Worten über ihre Komplexe spricht: «Ich habe mich immer in meinem Körper geschämt, bis ich mir eines Tages sagte: Jetzt bin ich mich. Und dicke und dünne Bäume hat es schon immer gegeben.»

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Porträt von Rosmarie Buri (Schweiz aktuell, 23.11.1990)

8:57 min, vom 22.7.2014

Opfer des Diät-Terrors

Rosmarie Buri wuchs als eines von fünf Kindern in Riggisberg auf. Ihre Mutter musste die Familie alleine durchbringen, weil der Vater, ein Alkoholiker, schon früh gestorben war. Das Lernen fiel Rosmarie schwer. Sie fühlte sich ständig unter Druck und litt unter dem Spott ihrer Klassenkollegen, weil sie mit zerschlissenen Kleidern im Unterricht erschien. Ihre Mutter warnte sie, dass sie sich nicht zur Wehr setzen dürfe. Sonst drohe ihr ein Schicksal als Verdingkind.

Auch das Übergewicht hat Rosmarie Buri durch das Leben begleitet. Sie habe «fast bis zum Wahnsinn» Abmagerungskuren ausprobiert. Genutzt habe es nichts. Den Diät-Terror thematisierte Rosmarie Buri auch in ihrer Autobiografie und hielt damit den Finger auf einen wunden Punkt. Vor allem das weibliche Publikum wusste, wovon sie sprach.

Genre der «Lebensberichte» verlor schnell seinen Reiz

Das sei wahrscheinlich sowieso das Geheimnis, warum ihr Buch derart ein Erfolg wurde, sagte Rosmarie Buri einmal: «Die Leute haben nicht meine Geschichte gelesen, sondern ihre. Sie mussten weinen, weil sie spürten, dass sie Ähnliches durchgemacht hatten.»

Auch literarisch brachte Rosmarie Buri mit ihrer Autobiografie einiges ins Rollen: In den 90er-Jahren begannen viele Frauen und Männer, ebenfalls ihre Lebensgeschichten zu Papier zu bringen. Doch ein Erfolg wie jener von Rosmarie Buri wiederholte sich nicht mehr. Zu rasch hatte sich dieses Genre der «Lebensberichte» totgelaufen. Entweder fehlte es am sprachlichen Können oder der Stoff gab zu wenig her.

Auf die Zähne beissen, das gehörte zu ihrem Wesen

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«Das erste Buch entstand, während mein Mann im Turnverein war»...

3:40 min, vom 22.7.2014

Interessanterweise kam für Rosmarie Buri die Wende nicht erst mit der Veröffentlichung des Buches, sondern geschah bereits zehn Jahre früher: Zu ihrem 50. Geburtstag schenkte ihr ihre Schwester ein Horoskop einer Astrologin. Darin stand, dass Rosmarie sehr intelligent sei.

Zunächst habe sie diese Bemerkung als Witz abgetan, erinnerte sich Rosmarie Buri. Aber dann vertraute sie dem Urteil der Sterne und begann, vieles nachzuholen. Endlich hatte sie den Mut, Mal-und Kaligraphie-Kurse zu besuchen und ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Acht Jahre lang suchte sie für dieses Manuskript vergeblich einen Verlag, gab aber nicht auf. Das Schicksal hatte sie gelehrt, auf die Zähne zu beissen.


Zum 20. Todestag von Rosmarie Buri

3:15 min, aus Kultur kompakt vom 23.07.2014

Die Zeit vor ihrem Tod war dann für Rosmarie Buri die glücklichste. Sie war stolz auf das Erreichte und zog selbstbewusst eine positive Bilanz: «Ich habe mich durchgeboxt. Jetzt bin ich nicht mehr das kleine Kätzchen, sondern ich bin eine Frau. Und ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden.»

Buchhinweis

Rosmarie Buri: «Dumm und dick», Der Alltag, 1990.