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Gesellschaft & Religion Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen in den Chefetagen

Lasst alle Hoffnung fahren! Die deutsche Autorin Karen Duve schlägt Wirtschaftsführern, Politikern und anderen Alphatieren einen pointierten Essay um die Ohren: «Warum die Sache schiefgeht». Ein Buch mit tiefschwarzen Perspektiven.

Ein Mann telefoniert. Um ihn herum gehen Menschen.
Legende: «Après moi le déluge»: Karen Duve prophezeit einen geplünderten Planeten, wenn Alphatiere wie bisher wirtschaften. Reuters

Den Ton gibt der Anfang des ersten Kapitels vor: «Man muss keine antisoziale Persönlichkeitsstörung haben, um Manager (oder Politiker) zu werden, aber es hat gewisse Vorteile. Für Top-Positionen kommen nämlich nur Bewerber in Frage, die einen 16-stündigen Arbeitstag in Kauf nehmen.»

Ein erfreuliches Buch ist es nicht, aber ein in der Struktur gelungenes. Die 1961 in Hamburg geborene Autorin Karen Duve, die in der Märkischen Schweiz im Nordosten von Berlin lebt, gliedert ihren Essay nach Einstellungskriterien, die auf dem Arbeitsmarkt für Führungskräfte gefragt sind: «Einsatzbereitschaft», «Risikobereitschaft», «Selbstvertrauen» und «Durchsetzungsvermögen». Die Kapitel «Frauen?» (mit wohlgesetztem Fragezeichen) und «Sintflut!» (mit ebensolchem Ausrufezeichen) runden die Streitschrift ab.

Von Führungskräften geforderte Charakterzüge

  • «Einsatzbereitschaft»: Manche Männer investieren sich täglich 16 Stunden in ihren Beruf, schreibt Duve, und lassen dabei alle menschlichen Bindungen fahren. Ausser denen zu ihresgleichen in der Firmenhierarchie.
  • «Risikobereitschaft»: Viele Führungskräfte würden nicht verstehen, welche Risiken sie der Menschheit aufbürden. Sie seien dermassen im Gruppendenken gefangen, dass sie gewisse Risiken gar nicht mehr beurteilen könnten.
  • «Selbstvertrauen»: Bosse seien gefragt, die «eine hohe Meinung von sich selber und den eigenen Fähigkeiten haben» – und sich zum Teil hoffnungslos überschätzen.
  • «Durchsetzungsvermögen»: Alphatiere wollen «Herrschaft, Kontrolle, Status und noch mal Status». Ihr Weltbild sei geprägt vom Gedanken der «Auslese durch Konkurrenz und Durchsetzungsfähigkeit».

Solche Männer seien dafür verantwortlich, dass die Erde und ihre Bewohner den Bach runtergehen.

«It’s a man's world»

Frauen tauchen in dieser Welt der Mächtigen nur am Rande auf: als Gattinnen, die dem Managermann den Rücken freihalten, und sehr selten in der Wirtschaft, wo sie dieselben Eigenschaften wie die männlichen Kollegen unter Beweis stellen müssten. Enden werde das – deshalb das Kapitel «Sintflut!» – in der Katastrophe: im geplünderten, verseuchten, erwärmten, leergefressenen Planeten.

Hoffnung? Gibt es nicht. Denn den «radikalen Wachstums- und Konsumverzicht», den Karen Duve im Gespräch als Notwendigkeit nennt, um das Steuer herumzureissen, hält sie aufgrund der personellen Besetzung der Führungsetagen für nicht realisierbar.

Verzweiflung und Wut

Die Autorin zeichnet das Bild einer Führungsschicht, die zwar um die Folgen ihres Wirtschaftens wisse, aber vor lauter Wachstumsorientierung nichts dagegen unternehme.

Das auf fossilen Brennstoffen basierende Wirtschaftssystem, das 200 Jahre funktioniert habe, führe zum Ende der Menschheit. Und Karen Duve bedauert das nicht: «Wenn man die menschliche Perspektive einmal kurz aufgibt, ist es eigentlich ein ganz erfrischender Gedanke, dass der Homo sapiens demnächst ausstirbt», schreibt sie in ihrem Schlussabschnitt.

Zynismus? Wohl eher Verzweiflung. Und Wut. Ob diese Gefühle gute Ratgeber sind? Mit ihrem Essay zeigt sich Karen Duve als tiefschwarze Untergangsapostelin. Grundlos geschieht das nicht.

Buchhinweis

Karen Duve: «Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen». Galiani, 2014.

7 Kommentare

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  • Kommentar von Ernst Jacob, Moeriken
    Die Allermeisten, die mich auf den Strassen kreuzen, kommen mit Autos daher, die doppelt so gross sind wie meines. Und die meisten, die ich kenne, machen regelmässig Ferien, irgendwo auf der Welt. Und wohin ich auch schaue, es wird relativ luxuriös gelebt. Nicht nur von der Führungsschicht, von Allen. Aber irgendwer muss ja schuld am Schlamassel sein, das auf uns wartet. Und weil ich es mir wert bin, geb ich die Schuld Denen, die durch mich ihr vieles Geld verdienen. So einfach ist es nämlich!
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  • Kommentar von Ernst Jacob, Moeriken
    Der Homo sapiens wird nicht so schnell aussterben, es braucht ihn noch solange, bis Humanus 2.0 funktioniert. Zwischenzeitlich ersetzt er sich, Stück für Stück, solange selber, bis er nichts mehr benötigt, was von Natur aus an ihm blieb. Wer's bis 2100 überlebt, und Geld genug hat, dabei zu sein, wird's wohl für ewig überleben, um endlich vielleicht gottgleich zu sein. Dieser Weg ist das Ziel, es führt Keiner daran vorbei. Man nennt es Evolution, naturgegeben und vielleicht genau so programmiert
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  • Kommentar von Rolf Künzi, Winterthur
    Da wir Schweizer die 1:12 abgelehnt haben denkt wohl die Mehrheit wie diese Chefs. Den wenn der Unterste(ohne Lehrling) 3000 verdient, dann verdient der Oberste 36000. Will der Bigchef 48000 muss er den Lohn unten etwas heben auf 4000. die Fachkräfte aus dem Ausland die mehr wollen wären kein Verlust den ihr Hirn ist so auf Adrenalin dass es eh die Firma an die Wand fährt früher oder später. Das muss vom Staat gar nicht überprüft werden den der Druck genügt. Also Chefs sind mehr als die Hälfte.
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