Ein Couvert wartet hinter Panzerglas: Der tägliche Gang zur KESB

Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde, die Geld von Randständigen verwaltet, erfährt immer wieder Kritik, obwohl sie von Fachkreisen gute Noten erhält. Ein Besuch in der Basler KESB zeigt, welch unterschiedliche Menschen hier täglich vorbeikommen, um ihr Geld abzuholen.

Eine Person trägt eine Tasche, die langsam kaputt geht.

Bildlegende: Der Beistand verwaltet das Geld für seine Klienten. Meistens ist es knapp. Keystone

Hoch erhaben über der Stadt, nahe des Basler Münsters, befindet sich in einem blauen Haus das Amt für Beistandschaft. Dort erhalten die Menschen, die ihr Leben aus verschiedenen Gründen nicht selber meistern, Hilfe von einem Beistand – früher nannte man ihn Vormund. Beistände verwalten unter anderem das Geld ihrer Klienten. Ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte – aber nicht nur, wie ein Blick ins Innere des Amtes zeigt.

Geld durch dickes Panzerglas

«Brauchen Sie ein Couvert?», fragt Peter Krämer einen kleinen, älteren Mann, dem er durch eine Öffnung in dickem Panzerglas 80 Franken zuschiebt. «Ja, gerne», lächelt der zierliche Mann, packt das Geld in das Couvert, das Couvert sorgfältig in sein zerfleddertes Portemonnaie und dieses in eine ebenso zerfledderte Plastiktüte.

Ich staune, wie vielfältig die Klientel ist, die «ihr Geld» ausgehändigt bekommt. Geld, dass einer der Berufsbeistände im Auftrag der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde für sie verwaltet, und das Peter Krämer auszahlt.

Schön, aber unpraktisch

Einige schleichen hinein, Augen niedergeschlagen, andere freuen sich auf einen Minischwatz. «Ungefähr 250 Menschen kommen hierher. Je nach Abmachung täglich, oder einmal im Monat», kommentiert Krämer seine Auszahlungen.

Auf sein wunderschön gelegenes Büro angesprochen, in einem der schönsten Patrizierhäuser Basels, seufzt er: «Schon schön, aber der Weg hierher ist steil, das schaffen viele nicht. Leider, denn für fast alle ist der Gang zur Kasse eine gute Gelegenheit, raus und unter Menschen zu kommen.»

«Mehr gibt's nicht»

Es klingelt – herein rauscht eine resolute Spanierin, gut gekleidet, einige kleine Tattoos dezent verteilt. Sie mustert den fremden Gast hinter Glas neugierig: «Radio? Sagen Sie den Leuten, das sei eine gute Sache – dieses Amt.» Will Sie es nicht gleich selber sagen? Keine Zeit, no, no, no – absolut keine Zeit – ein anderes Mal vielleicht. Sie drückt mir ihre Telefonnummer in die Hand und bleibt dann doch stehen.

Warum eine gute Sache? Weil sie sonst noch viel mehr Schulden hätte. Hätte sie nur viel früher gewusst, dass man ihr da helfen könne. «Super Amt, super Schuldenbremse – sagen Sie das am Radio.» Für sie sei dieser Stress vom Geldausgeben und schlechten Gewissen – weil sie gar kein Geld zum Ausgeben hat – geregelt. «Mehr gibt’s nicht», sie packt ihre 200 Franken Wochengeld und verabschiedet sich majestätisch.

Die KESB – ein Glück?

Schon platzt die nächste Klientin herein: Ohne zu läuten steht sie wankend in der Tür. Peter Krämer begrüsst auch sie mit Namen. Diese junge Frau – der Name lässt auf Basler Oberschicht schliessen – hat ganz offensichtlich ein Drogenproblem. Ihre Beine scheinen aus Gummi, ihre Zunge ebenso – und als Peter Krämer ihr erklärt, dass sie für diese Woche kein Geld mehr zur Verfügung habe – er auch keinen Spezialkredit von ihrem Beistand im Computersystem finde, obwohl sie das fest behauptet – beginnt sie zu schreien. In kürzester Zeit kommt ein Mann der Securitas, der sie hinausbegleitet.

Peter Krämer bleibt gelassen. Ihm ist wichtig, freundlich zu sein: «Man weiss nie, was einem im Leben passiert. Plötzlich bist du raus aus dem System und wenn du Glück hast, stehst du dann vielleicht eines Tages vor dieser Scheibe.» Glück? Je länger ich hinter der Kasse sitze, mir die Menschen anschaue, mir von ihnen oder Peter Krämer ihre Geschichten erzählen lasse – verstehe ich, was er damit meinte: Obdachlosigkeit, Schulden, Wahnvorstellungen, Verwirrtheiten, manchmal einfach nur Pech und «dumm gelaufen» – ohne Beistand war das Leben schlimmer. Viel schlimmer.

Jenseits des Leistungssystems

«Klar, ich kann nicht einfach mein Geld ausgeben, wie ich will. Aber es ist besser so», sagt einer, der seit 30 Jahren einen Beistand hat und so offensichtlich jenseits der gängigen Norm lebt, dass ich nicht fürchten muss, dass er mir Nettigkeiten ins Mikrofon flunkert, nur um seinem Beistand zu gefallen.

Es ist eine seltsame Parade von Männern und Frauen und je länger ich sitze, schaue und zuhöre, desto erstaunter nehme ich zur Kenntnis, wie vielfältig unsere Gesellschaft jenseits des Leistungssystems aussieht. Wie unbarmherzig die wenigen, die in diesem Leistungssystem noch ein kleines Plätzchen hatten – weggewiesen werden.

«Brauchen Sie ein Couvert?», fragt Peter Krämer «seine» Klienten immer wieder und fast alle sagen ja. Warum eigentlich? Sie haben in der Regel ein Portemonnaie dabei. Peter Krämer stutzt: Das habe er sich noch nie überlegt. Vielleicht, weil sie so beim Geldausgeben nicht vergessen, woher sie es haben?

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