Kinofilm erhitzt Gemüter Ein Film bringt den Front National in Rage

Heute läuft «Chez nous» in den französischen Kinos an. Der Film beschäftigt die Grande Nation, aber vor allem den Front National.

Eine Frau in einer applaudierenden Menschenmenge, im Bildvordergrund eine Trikolore

Bildlegende: Eine real existierende Parteivorsitzende fühlt sich verunglimpft – auch durch die Topffrisur der Darstellerin. Jean Claude Lother / Synecdoche Artémis Productions

Der Film spielt im Norden Frankreichs in der Region Pas-de-Calais. Eine junge Liberale, Pauline Duhez, zieht dorthin. Sie wird von einer Partei namens «Bloc patriotique» engagiert, für die Wahlen zu kandidieren. Der Film erzählt von den Machenschaften, Strategien und Exponenten dieses «Bloc patriotique».

Harte Auseinandersetzungen um einen Film

Der real existierende Front National, kurz FN, fühlt sich vom Film verunglimpft. Eine hitzige Diskussion ist seit Wochen in Frankreich entbrannt. Bereits Anfang Januar, fast zwei Monate vor dem Filmstart, schaffte er es in die Hauptausgabe der Nachrichten bei France 24. Mit insgesamt über fünf Minuten Sendezeit.

Und wüsste man nicht, dass es um einen Film geht, man hätte den Eindruck, es geht hier um französische Innenpolitik, um Arbeitslosigkeit, Wut, Rassismus, Ausgrenzung, um Enttäuschung und das Volk.

Um den Film als Film geht es nur am Rande, vielmehr um die Diskussionen, die er auslöst. Die werden auch auf Twitter geführt, ungewohnt heftig. «La brutalité du discours m’a surprise.» Zu deutsch: «Die Brutalität des Diskurses hat mich überrascht,» sagt die Journalistin Mounia Kacem von France 24.

Eine Verunglimpfung des FN mit Steuergeldern finanziert

Wie Exponenten des FN gegen den Film wettern, darüber berichtet Libération. Tenor der Exponenten: Es sei ein Skandal, dass dieser Film ein einseitiger Angriff auf den FN darstelle, aber auch mit öffentlichen Fördergeldern finanziert sei. Dies sei auch ein Zeichen dafür, wie schlecht es der Demokratie gehe.

In Kommentaren bei France 24 wird gekontert, ob der Front jetzt bestimme, was im Kino gezeigt werden dürfe. Das Wort Zensur ist in der Luft. Die Gegenrede: Das sei typisch links. Linke würden sowieso den Islamismus verteidigen. Befürworter des Filmes, den bis dato niemand gesehen hatte, weil er heute erst anläuft, wie Gegner operieren derzeit mit den Reizworten, die den jeweiligen Gegner echauffieren. «Wer bestimmt, was in französische Kinos kommt, der FN?»

Der Regisseur Lucas Belvaux sieht das in einem Fernsehbeitrag des «Europamagazin» der deutschen ARD naturgemäss ganz anders. Er sagt, er habe mit seinem Film eine Diskussion anstossen wollen, die jetzt bereits in vollem Gange sei und sein Produzent David Frenkel entgegnet den Vorwürfen des FN, der Film sei durch öffentliche Gelder gefördert worden: Was der FN denn wolle, dass man nur noch gefällige Filme drehe? Ob der FN bestimme, was in französischen Kinos gezeigt werden dürfe?

Die Macher des Filmes geben offen zu, den Film vorsätzlich im Vorfeld des Präsidentschaftswahlkampfes terminiert zu haben. Sie hätten sich in eine politische Debatte einschalten wollen. Produzent Frenkel sagt, man könne dieses Phänomen der französischen Populisten nicht einfach so stehen lassen «jeden Groll und jede Frustration der Bevölkerung abzugreifen und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.»

Der politische Wirbel überdeckt den Film

So hitzig die Diskussion geführt wird, so wenig spricht jemand über den Film als Film. Auch in der Berichterstattung französischer Medien, die zu Pressevorführungen konnten, ist die quantitative Gewichtung der Artikel und Fernsehberichte eindeutig: Ein eher kurzer Abschnitt zum Film, ganze Seiten zum politischen Ereignis.

Ein Artikel bei Le Monde bildet da eine der Ausnahmen: Er attestiert dem Film als solchem, er benutze die «Fiktion, um eine Geschichte von brennender Aktualität» zu erzählen und kommt am Schluss zu einer Wertung, indem er sagt, der Film sei ein so starkes politisches Statement, dass der Regisseur dabei sein Kino aus den Augen verliere.

In aller Überzeichnung leistet der Film die Innenschau einer fiktiven Partei. Der Observateur fasst das in der Schlagzeile zusammen: «Chez nous» : voyage au bout de la fachosphère. Zu deutsch: «Reise zum Grund der faschistischen Welt.»

Aber ansonsten kannibalisiert das politische Ereignis den Film, was Le Figaro mit einem Wortspiel zuspitzt: «Vom Front National zur nationalen Opposition».

Die Auseinandersetzungen um den Film als Ereignis zeigen die politische Polarisierung des Front und seiner Gegner ganz so, wie es der Film als Film wohl hat zeigen wollen.

Sendehinweis: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell am 22.2.2017 um 11.50 Uhr

Kinostart

«Chez nous» startet:

  • am 22.2.2017 in französischen Kinos und
  • am 8.3.2017 in Kinos der Romandie.

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