Ein Gott, viele Tote? Wie gefährlich ist Religion?

Risiko Religion: Gewalt im Namen der Religion – ein Phänomen, mit dem uns die Medien immer wieder konfrontieren. Dabei möchte Religion doch Frieden schaffen. Neigen gewisse Religionen eher zu Gewalt als andere und wenn ja, warum? Fragen an den Theologen Rolf Schieder.

Eine Frau kniet vor einer Reihe von grün überdachten, nummerierten Särgen.

Bildlegende: Fanatische Religiosität begünstigt Gewaltanwendung im Namen eines Gottes. (Symboldbild) Keystone

Herr Schieder, wann und warum führt religiöser Glaube zu Gewalt?

Religiöse Gewalttäter sind fest davon überzeugt, dass sie etwas Gutes tun. Sie bekämpfen ja das Böse. Die Unfähigkeit zur Selbstkritik, die Unfähigkeit zur Begrenzung eigener Geltungsansprüche, sowie ein dualistisch-apokalyptisches Weltbild sind neben der Instrumentalisierung der Religion für politische Zwecke die häufigsten Ursachen.

Sind monotheistische Religionen anfälliger für Gewalt als polytheistische? Neigt, wer bloss an einen einzigen Gott glaubt, eher zu Fanatismus, Fundamentalismus und Märtyrertum?

Die Unterscheidung zwischen Eingott- und Mehrgötterglaube trägt für das Verständnis religiös motivierter Gewalt nichts aus. Die Religionsgeschichte zeigt zweifelsfrei, dass beide Religionsformen gewaltanfällig sind. Die Vorstellung von einer heiteren, hellen, toleranten polytheistischen Religionskultur im Gegensatz zu einem finsteren und fanatischen Monotheismus ist eine Karikatur.

Worin könnte das Intoleranz – oder Gewaltpotential des Monotheismus liegen?

Die Existenz anderer Götter kann als Bedrohung für den Glauben an den einen eigenen Gott empfunden werden. Das wäre dann aber ein ausgesprochen schwacher Glaube. Denn das Prinzip des Monotheismus wäre ja gar nicht verletzt, wenn jeder an seinen einen eigenen Gott glaubte. Das Problem liegt also nicht in der Konzeption des Gottesbegriffs, das Problem liegt in der Sozialform, die sich eine Religionsgemeinschaft gibt.

Vor allem der Islam wird oft in die Nähe von Fanatismus und Intoleranz gerückt. Zu Recht?

Zwischen Islam und Islamismus ist streng zu unterschieden. Der Islamismus als die politische Instrumentalisierung des Islam ist zweifellos ein grosses Problem. Die Opfer islamistischer Gewalt sind vor allem Muslime. Lange Zeit ging es Juden in islamischen Ländern besser als in christlichen. In vielen arabischen Ländern mit einer islamischen Mehrheitskultur ist das Ideal eines «islamischen Staates» noch lebendig. Das Ideal einer homogenen Religionskultur gefährdet die Religionsfreiheit und wird auf die Dauer dem globalen Migrationsdruck nicht standhalten können.

Der Buddhismus gilt als besonders friedfertige Religion. Ist es blosser Zufall, dass gerade diese «Religion ohne Gott» – wie der Buddhismus auch umschrieben wird – auf Gewalt verzichtet?

Die Vorstellung von einem friedfertigen Buddhismus ist romantisch. Auch der Buddhismus ist nicht gewaltfrei. In der Mongolei und in Tibet war er in politische Machtkämpfe verwickelt und auch der japanische Buddhismus war von Nationalismus nicht frei. Richtig ist, dass sich der Buddhismus als weltverneinende, mönchische Religionsform für Fragen der Weltgestaltung nie interessiert hat – und insofern sowohl Gewalt wie auch ein zu grosses Engagement für die Verbesserung der Welt für nicht zielführend hält.

Die grössten Verbrechen des 20. Jahrhunderts gingen von Anhängern säkularer Weltanschauungen aus: Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot. Ist am Ende die Religion also unschuldig und gründet die Gewaltbereitschaft nicht vielmehr im Dogmatismus und Fanatismus – egal welcher Art?

Man kann den Faschismus und den Kommunismus auch als politische Religionen verstehen. Dann wäre Religion ganz und gar nicht unschuldig. Die Einsicht aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts müsste dann lauten, dass einer religiös aufgeladenen Politik auch heute mit grösstem Misstrauen zu begegnen ist und dass nicht nur die Trennung von Staat und Kirche, sondern vor allem die strikte Unterscheidung von Politik und Religion zum Wohle beider Sphären aufrechterhalten werden muss. Offenbar gibt es auch heute noch eine zivilreligiöse Bedürftigkeit, die dadurch entsteht, dass Kollektive ohne eine symbolische Vergewisserung ihrer Herkunft, ihrer Verfassung und ihrer Bestimmung nicht bestehen können.

Den Religionen werden auch friedensstiftende Potentiale nachgesagt. Worin sehen Sie diese hauptsächlich?

Politikwissenschaftliche Studien in den östlichen Bundesländern der BRD zeigen etwa, dass sich die christliche Minderheit überdurchschnittlich stark zivilgesellschaftlich und politisch in den Kommunal- und Länderparlamenten engagiert. Die Rolle der Kirchen bei den Umbrüchen in den 80er Jahren ist unbestritten. Das Engagement der Kirchen auf dem Gebiet der Bildung ist hoch. Blickt man auf die südliche Hemisphäre, so sind Kirchen oft der einzige Ort, wo die gesellschaftlich Ausgeschlossenen integriert werden.

Zur Person

Rolf Schieder ist Prof. für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin und Sprecher des «Program on Religion and Politics».

Buchtipp:

Rolf Schieder: Sind Religionen gefährlich? Religionspolitische Perspektiven für das 21. Jahrhundert. University Press, Berlin 2011.

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