Ein Land in blau und gelb – nationale Mobilmachung in der Ukraine

Vom Brückengeländer bis zum Hund, alles wird in den Nationalfarben geschmückt. Die Ukraine ruft auf zur Mobilmachung, gesammelt werden Geld und Sachgegenstände für die Soldaten. Eine Reise ins Land zeigt, wie die Einwohner dem übermächtigen Feind Russland trotzen – nicht ohne Originalität.

Blau-gelbes Brückengeländer

Bildlegende: Auch die Geländer wurden in den Nationalfarben angemalt. SRF/ Judith Wipfler

Es war nicht allein der Nationalfeiertag vom 24. August, der die Ukrainerinnen und Ukrainer dazu anspornte, ihr Land in die Nationalfarben blau-gelb zu kleiden. Seit Wochen bemalen Schulkinder die Brückengeländer des Landes blau-gelb. Auf den Strassen werden geflochtene Armbänder und Anstecker in diesen Farben verkauft. Und wer immer noch keine Fahne hatte, kaufte diese jetzt, mitunter zusammen mit der EU-Flagge.

Frau mit Blumenkranz auf dem Haar und engem Kleid hält eine Box mit Flyern.

Bildlegende: Frauen in traditionell bestickten Blusen werben für die nationale Garde. SRF/ Judith Wipfler

Die Armee wirbt im schönen Kleid

Das Wochenende des Nationalfeiertags konnte dann durchaus als erster Höhepunkt der nationalen Mobilmachung erlebt werden. In Odessa etwa fuhren beflaggte Autokorsos durch die Stadt und wurden freudig hupend begrüsst. Die nationale Begeisterung machte selbst vor einem Familienhund nicht halt, dem ebenfalls eine blau-gelbe Schärpe mit Blümchen umgebunden wurde. Den ganzen Tag über belebten Volkstänze und ein Markt mit Volkskunst die beliebteste Flaniermeile der Hafenstadt am Schwarzen Meer. Und auch hier machten adrett in den traditionell bestickten Blusen gekleidete Frauen Werbung für die nationale Garde.

Odessa hat unter dem Wegfall der Kreuzfahrt- und anderer Touristengruppen besonders zu leiden. So sind derzeit auch kaum westliche Sprachen in dieser ansonsten so internationalen Hafenstadt zu hören, nur Ukrainisch und natürlich das hier heimische Russisch: «Adjessa» – also Russisch sprechen sie ihren Ortsnamen auch aus. Der Konflikt mit Russland ist für viele hier auch deshalb so schmerzlich, weil es enge Verbindungen dorthin gibt, seien das Familienbande oder kulturelle, religiöse und eben sprachliche Wurzeln.

Neuer Sender gegen russische Propaganda

Bewusst gewählt am Nationalfeiertag war auch der Start des neuen 24-Stunden-Fernsehkanals «Ukraine today», ein englischsprachiger Nachrichtensender, der nach eigenen Aussagen die Propagandalügen der russischen Sender aufklären und bekämpfen will. Wer diesen Sender eigentlich sehen und verstehen soll, bleibt unklar. Englisch ist hier keine verbreitete Sprache, im Gegenteil.

Die Dörfer der Westukraine wirken auf den ersten Blick friedlich und verschlafen. Erst im Gespräch offenbart sich die Angst der Menschen vor einer russischen Invasion und ihr Wille, sich irgendwie dagegen zu verteidigen, auch wenn das gegen die mächtige russische Armee ein schier aussichtsloses Unterfangen wäre. Grosse Plakate rufen dazu auf, sich freiwillig zur so genannten Nationalen Garde zu melden, einer Art ad-hoc-Armee, mit Sprüchen wie: «Ukraine über alles!»

Über dem Bankgebäude hängt ein Banner.

Bildlegende: Russische Bank mit Banner: «Ernährt die Okkupanten nicht! Hebe Dein Geld ab, bevor es zu spät ist!» SRF/ Judith Wipfler

Boykott gegen Russland

Die ukrainische Bevölkerung zieht nun den Boykott russischer Waren und Dienstleistungen voll durch. Einige russische Banken etwa haben bereits geschlossen. Wer würde sich auch schon noch in eine ihrer Filialen wie jener am Rathausplatz von Czernowitz trauen: Über der dortigen russischen Sparkasse warnt nämlich ein riesiges Banner: «Ernährt die Okkupanten nicht! Hebe Dein Geld ab, bevor es zu spät ist!»

Und es wird bereits der ersten Gefallenen gedacht. Dies geschieht an öffentlichen Plätzen mit Gebeten und Gesängen oder abermals auf Plakaten wie etwa im Volkspark von Czernowitz: Wo sonst fröhliches Kindergekreische und Jahrmarktmusik zu hören sind, mahnen nun nachdenkliche Trauerplakate mit Kerze: «Ehren wir das Gedächtnis an diejenigen, die im Kampf für die Ukraine gefallen sind.»

Sendung zu diesem Artikel