Reisebericht aus Algerien Einblicke in ein verschlossenes Land

Journalisten sind in Algerien nicht willkommen. Doch Maghreb-Experte Beat Stauffer konnte sich ein Bild vor Ort machen.

Frau sitzt lesend auf Stufen.

Bildlegende: Campus in Oran: Für Algeriens Studierende steht ihr berufliches Fortkommen im Zentrum – die Politik ist da zweitrangig. SRF/Beat Stauffer

Algerien, das riesige Land am Südufer des Mittelmeers, ist ein unbekannter Kontinent. Touristen reisen nur selten in den Wüstenstaat, und Journalisten wie ich erhalten nur mit Schwierigkeiten ein Visum. Diese weitgehende Abschottung ist gewollt; seit über 50 Jahren gehört sie zu den Grundpfeilern der algerischen Politik.

Offene Menschen im abgeschotteten Staat

Sie hat Folgen für das Lebensgefühl der algerischen Bevölkerung. «Wir Algerier leiden unter der seltsamen Krankheit des Eingesperrt-Seins, der Abschottung», schrieb der algerische Journalist und Schriftsteller Kamal Daoud unlängst.

Kirche im Vordergrund. Im Hintergrund eine Stadt am Meer.

Bildlegende: Oran: eine offene, lebendige Stadt im abgeschotteten Algerien. Getty Images

Dennoch treffe ich im formell sozialistischen Staat auf kontaktfreudige junge Menschen.

Zum Beispiel an einem Kolloquium an der Universität Oran. Dort treffe ich Studierende, die sich an der Fakultät für Fremdsprachen eingeschrieben haben. Einige von ihnen sprechen Deutsch. Sie erhoffen sich vom Studium einer europäischen Sprache bessere berufliche Chancen und vielleicht auch die Möglichkeit, nach Europa reisen zu können.

Proteste mit Geld ersticken

Der algerische Staat hat den landesweiten Protesten, die das Land wie die Nachbarstaaten vor rund sechs Jahren erschütterten, mit grosszügigen Zahlungen und Subventionen erfolgreich den Wind aus den Segeln nehmen können. Junge Universitätsabgänger beispielsweise erhalten vom algerischen Staat ein Darlehen à fonds perdu, wenn sie eine eigene Firma gründen wollen.

Verfallenes Haus mit Torbögen und einem Schild.

Bildlegende: Ein verfallenes Kaffeehaus in Oran: Neben dem modernen Leben der Studenten, gibt es auch die andere Seite. SRF/Beat Stauffer

Dabei handelt es sich um Beträge in der Grössenordnung von 10'000 Euros und mehr. Viele der Empfänger benutzten dieses Startkapital allerdings, um sich ein Auto oder andere Konsumgüter zu kaufen, erklärt der junge Dozent Amine Tayebi.

Missbrauch des Darlehens ist ein offenes Geheimnis

Der Missbrauch dieser Darlehen sei ein offenes Geheimnis, doch die Verantwortlichen zögen es vor, wegzusehen. Wie lange sich Algerien diese Grosszügigkeit noch leisten kann, ist fraglich.

Viele junge Algerier nehmen die Zahlungen des Staates gerne an. Von der Politik sind sie dennoch enttäuscht. Fast alle Studierenden, mit denen ich sprechen konnte, gaben zu verstehen, dass sie von den Politikern nichts erwarten. Sie setzen vielmehr auf die Modernisierung ihres Landes und sehen in der Türkei ein Vorbild.

Dem baldigen Ende der Ära Bouteflika und den damit verbundenen Erschütterungen sehen sie mit einer gewissen Gelassenheit entgegen. Das «System» sei stabil, und es werde auch ohne «Boutef» weitergehen, sagt Amine Tayebi. Andere sind weniger optimistisch und meinen vieldeutig, nach einem Machtwechsel sei alles möglich.

Ein Hauch südlicher Lässigkeit

Die jungen Studierenden in Oran sind allerdings nicht repräsentativ für ihre Generation. Denn Oran ist die weltoffenste Stadt in Algerien. Sie stand rund 250 Jahre unter spanischer Herrschaft, wenig später kamen die Franzosen und blieben über 130 Jahren lang im Land.

Diese mittelmeerische Prägung hat die Stadt bis heute behalten, sowohl in der Architektur wie auch im Lebensstil. Ihre typische Festfreude und Lockerheit führen die heutigen Bewohner Orans auf den spanischen Einfluss zurück.

Die Hafenstadt beeindruckt mit ihrer historischen Bausubstanz in der Innenstadt. Tausende von Gebäuden im Art-Déco- und Jugendstil sind erhalten geblieben. Um den Hauptplatz herum stehen prächtige Bauten, manche sind in die Jahre gekommen, andere kürzlich renoviert worden.

Altes Haus an dem die Wäsche am Balkon hängt.

Bildlegende: Erinnerungen an Neapel: Koloniale Architektur wird in Oran umfunktioniert. SRF/Beat Stauffer

Gleichzeitig hat in den vergangenen Jahren ein unglaublicher Bauboom stattgefunden; so sind etwa neue Vorstädte mit zehntausenden von Wohnungen entstanden.

Stabilität ist alles

Doch auch im relativ weltoffenen und wohlhabenden Oran gibt es viele junge Menschen, die in ihrem Land keine Zukunft sehen. Einer von ihnen nennt sich El Hadsch und stammt aus Sidi El Houari, einem der armen Quartiere der Stadt. El Hadsch will mit einem alten Fischkutter nach Europa gelangen.

Trotz der tiefsitzenden Frustration vieler junger Algerier ist es im Land relativ ruhig. Das Schlüsselwort zum Verständnis von Algerien lautet Stabilität. Nach dem blutigen Bürgerkrieg Mitte der 90er-Jahre und den jüngsten Erfahrungen mit der Arabellion setzten die Menschen in Algerien auf geordnete Verhältnisse und auf Sicherheit, erklärt der in Genf lebende Politologe und Analyst Riadh Sidaoui. Stabilität sei für die Algerier seitdem «ein magischer Begriff.»

Mit dem Verfall des Ölpreises könnte für Algerien schon bald die Stunde der Wahrheit kommen. Wenn dem Staat die Mittel fehlen, um seine grosszügige Subventionspolitik weiterzuführen, könnte auch die Unzufriedenheit unter den jungen Algeriern rasch ansteigen.

Zur Person

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ZVG

Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.

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