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Gesellschaft & Religion Energiesparer müssen belohnt werden

Unser Konsum, unser Energieverbrauch, unsere Emissionen – von allem haben wir zu viel. Reduzieren heisst die Devise, die manche propagieren. Mit weniger auskommen, sich begnügen mit weniger Produkten, weniger Reisen – doch lässt sich dieser Verzicht auch mit der Wirtschaft vereinbaren?

Ein Mann steht auf einer Leiter in der Wüste und hält seine Hand an eine brennende Glühbirne, die vom Himmel herunterhängt.
Legende: Glühbirne aus: Um das Ökosystem nicht weiter zu schädigen, muss der Energieverbrauch gemindert werden. Getty Images

Kürzlich auf einem Podium zum Thema «Wenn weniger mehr ist»: Die Referenten überboten sich mit Vorschlägen, was zu tun wäre, um unseren überbordenden Konsum zu drosseln. Mehr Dinge tauschen statt kaufen, sagten die einen. Weniger Wohnfläche pro Kopf, mehr aufs Fahrrad setzen, mehr Dinge reparieren, weniger Nahrungsmittel wegwerfen, nicht mehr so weit weg reisen, meinten andere.

Man war sich einig in dem Punkt, dass es eine neue, eine genügsamere – eben: suffizientere – Lebensweise braucht. Suffizienz, also eine Philosophie des Weniger, sei unabdingbar, um die Energiewende zu schaffen. Neue Technologien allein genügten nicht, und auch nicht verstärktes Recycling. Man war sich einig, dass es zu schaffen sei.

Dann aber stellte jemand aus dem Publikum die Frage, welche Folgen eine solche allgemeine Genügsamkeit für die Wirtschaft haben werde? Grosse Ratlosigkeit auf dem Podium.

Der Kapitalismus muss sich ändern

Geldhäufchen.
Legende: Wer energieeffizient lebt, soll sich einen Energiebatzen ansparen können. Flickr/Marcel Grieder , Link öffnet in einem neuen Fenster

Naomi Klein, die streitbare Intellektuelle aus Kanada, hält in ihrem neuesten Buch «Die Entscheidung – Kapitalismus vs. Klima» fest, dass wir die kapitalistische Maxime des «Immer mehr» überwinden müssten, um die fortscheitende Schädigung unseres Ökosystems zu beenden.

Zu diesem Schluss sind bereits andere gekommen, allen voran der Nobelpreisträger Joseph Stieglitz, sowie die Ökonomen Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi, die 2009 in ihrem berühmten Bericht, Link öffnet in einem neuen Fenster an den französischen Präsidenten die Forderung aufstellten, der Kapitalismus dürfe nicht mehr allein auf Wachstum setzen; auch andere Indikatoren wie Gesundheit, Glück, Beschäftigung, Umwelt seien für den Reichtum eines Landes von Bedeutung. Eine Forderung, die in der Schweiz vor allem der Ökonom Mathias Binswanger aufstellt, Hand in Hand mit einer Bewegung, die sich der «Lessness», dem Weniger, oder auch der Wachstumskritik, der «Décroissance, Link öffnet in einem neuen Fenster», verschrieben hat.

Eine andere Währung

Das Grundproblem all dieser Ansätze liegt darin, dass diejenigen, die verzichten, nur immateriell belohnt werden. Sie gewinnen Freizeit, heisst es, sie gewinnen Lebensqualität, sie gewinnen Lebensglück – durch Verzicht auf den Verbrauch von Ressourcen. Aber der Nachbar, der einen fetten SUV fährt, sich Reisen in ferne Länder leistet und einen Pool – er gewinnt vielleicht auch Lebensglück, muss aber für seinen enormen Energiekonsum nichts bezahlen; wer verzichtet, kriegt nichts, ausser den Genuss seines Verzichts.

Die (auch materielle, also monetäre) Belohnung für Verzicht ist dann möglich, wenn ein Gut, das bisher in keiner Bilanz auftaucht, endlich eine Währung kriegt: der Verbrauch von Ressourcen wie Luft, Raum, Energie, Rohstoffe. Deren Verbrauch wird heute externalisiert, wie die Ökonomen das nennen, das heisst: Der Verbrauch von Umweltgütern taucht in keiner Bilanz auf, und die Kosten trägt in der Regel die Allgemeinheit.

Eine Bank für Energie

Hier setzt das Projekt des Ökopioniers Pascal Benninger an: die Idee einer Energiebank, Link öffnet in einem neuen Fenster. Sie funktioniert nach dem Prinzip, dass jede Einwohnerin der Schweiz ein Energiekonto besitzt, auf dem jeder gleich viel hat. Mit jedem Einkauf, mit jeder gebuchten Reise wird dem Konto ein bestimmter Betrag abgezogen; wer gegen Ende des Jahres ins Minus rutscht, muss sich Energie dazukaufen (etwa, um sich den benzinfressenden SUV zu leisten). Die anderen, die sparsam leben, kriegen die Gelegenheit, ihr Guthaben zu verkaufen, oder, wenn sie möchten, aufs nächste Jahr gutschreiben zu lassen (um vielleicht eine längere Flugreise zu realisieren).

Damit tritt eine neue Währung auf den Plan, die ebenso tauschbar ist, ebenso handelbar wie Geld; wie beim Sparkonto ist auch beim Energiekonto derjenige reich, der möglichst wenig ausgibt. Und wie beim realen Geld gilt auch beim Energiekonto, dass, wer über seine Verhältnisse leben will, eben auf Pump leben muss. Nur tut das dann real weh, anders als heute. Und wer gemässigt lebt, kann dafür reales Geld kriegen, auch anders als heute.

9 Kommentare

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  • Kommentar von Beppie Hermann, Bern
    «Die Entscheidung – Kapitalismus vs. Klima» Weder noch, Pfläschterlipolitik! Die Ursache fast aller Probleme auf Erden ist der Mensch und sein Reproduktionswahnsinn. Darüber sollte man endlich diskutieren und nach Lösungen suchen. Wie soll das nur noch weitergehen mit diesen endlosen Einschränkungen und Generalüberwachungen, wo bleibt der gesunde Menschenverstand?
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  • Kommentar von Marianne Müller, Mägenwil
    Wir könnten doch die CO2 Steuer, ausschliesslich in CO2 freie Projekte zb Solarkraftwerken, Nullenergiefabriken mit Veloinfrastruktur, Velobahnen investieren. (um eine 2000Watt Gesellschaft zu werden brauchen wir definitive eine andere Infrastruktur - sichere und attraktive Velowege, Autarke Häuser, Autarke Fabriken - ohne abschliessend zu sein) Die Wirtschaft bleibt, sie wird sich wie üblich die neuen Bedürfnisse Anbieten müssen.
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  • Kommentar von Beat Leuppi, Moutier
    Die Idee ist interessant, allerdings mit Schwachpunkten: - Was ist mit Leuten die in Randgebieten wohnen wo es keine oder wenig ÖVs gibt und daher aufs Auto angewiesen sind? Und eben auch SUV brauchen, weil die Strassen nicht so sauber geputzt werden wie in städtischen Gebieten? - es ist wieder einmal etwas für die Reichen... DIe können sich erlauben immer die Neuesten und energiesparendsten Geräte zu kaufen, während bei allen anderen die Geräte 10 oder 15 Jahre halten müssen.
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