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Gesellschaft & Religion «Er verkörperte die Verbindung zwischen Kultur und Politik»

Der deutsche Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist 96-jährig gestorben. Nach seiner Zeit in der Politik wurde Schmidt Mitherausgeber der «Zeit». Ab 1997 arbeitete auch Roger de Weck als Chefredaktor bei der «Zeit». Im Interview spricht der SRG-Generaldirektor über einen Mann, der stets neugierig war.

Schwarz-Weiss-Aufnahme von Helmut Schmidt mit einer Zeitung unter dem Arm.
Legende: Helmut Schmidt 1985 bei einem Besuch in der Schweiz – «Die Zeit» hat er dabei. Keystone

Roger de Weck, was haben Sie bei Ihrer Zusammenarbeit mit Helmut Schmidt an ihm persönlich geschätzt?

Roger de Weck: Er war ein ganzer Mensch. Vordergründig distanziert, aber in Wahrheit war er ganz nah. Und er war ein Intellektueller des Konkreten. Er ging immer von den Realitäten aus, er liebte die Debatte. In der Debatte war er fähig, Distanz zu nehmen und aus grosser intellektueller Flughöhe die Dinge neu zu sichten und einzuordnen, um dann aber jedes Mal wieder auf den Boden der Tatsachen zu landen und ganz pragmatische Schlüsse zu ziehen. Das ist bei ihm ziemlich einzigartig.

Ältere Kollegen sagten mir, Helmut Schmidt sei im Umgang mit Journalisten manchmal sehr abweisend gewesen. Wie kamen Sie mit seiner hanseatisch-kühlen Art zurecht?

Das war die glückliche Begegnung zweier Institutionen: Helmut Schmidt und «Die Zeit». Er war dort zuhause, hatte mitten in seiner Geburtsstadt eine zweite Heimat und fühlte sich wohl in der intensiven Diskussionskultur der «Zeit». Er konnte ein bisschen rauh sein. Bei der «Zeit» galt das Hamburger Duzen: Man bleibt beim Sie, aber man spricht sich mit dem Vornamen an. Da konnte bei aller Burschikosität, die ihm anhaftete, die er vielleicht einmal sogar zelebrierte, doch ganz grosse Nähe entstehen.

Als ich meinen letzten Tag bei der Zeit hatte, tauchte er in meinem Büro auf mit einer Flasche Aquavit, stellte die auf den Tisch, bestellte zwei Gläser – Aquavit-Gläser hatte ich natürlich nicht, es waren Wassergläser. Er hat die gefüllt, ex getrunken und gesagt: «Roger, wir werden uns leider nicht mehr so oft sehen.» Und damit war ja eigentlich alles gesagt.

Wie prägt denn eine so starke Persönlichkeit eine Zeitung?

Wenn in der politischen Konferenz der «Zeit» jeden Montag von zwölf bis zwei Uhr debattiert, debattiert und nochmals debattiert wurde, vergass man fast, dass man eine Zeitung zu machen hatte. Es ging um Meinungsbildung, es ging darum, die Dinge zu ergründen mit ein paar der gescheitesten Köpfen, die es in Deutschland gab. Dann war er schlicht in seinem Element und rauchte eine Reyno-Menthol-Zigarette nach der anderen. Aber durch diese Rauchwolke war doch ganz grosse Klarsicht.

Er brachte seine Erfahrung als Politiker und seine Arbeit ein, denn zu jedem wichtigen Thema hatte er die Originaldokumente studiert. Ob nun Stammzellen oder Ostpolitik: Er wollte es wissen, er arbeitete diszipliniert. Aber gleichzeitig war er auch neugierig im Sinne des Neuen und des Gierigen nach Neuem. So blieb er so lange jung.

Wie kommt es, dass Helmut Schmidt, der ja in seiner aktiven Zeit als Bundeskanzler auch umstritten war, im Alter eine Kultfigur wurde?

Weil er authentisch war, ist und bleibt. Und Vertrauen einflösste. Weil er einer war, der nie leichtfertig etwas tat. Einer, der den Mut gehabt hatte, im grossen Streit um die sogenannte Nachrüstung – das Aufstellen von Raketen in der Bundesrepublik – wider die öffentliche Meinung zu handeln. Was ihn eigentlich auch später sein Amt als Bundeskanzler gekostet hat. Das hat ihm ein ganz grosses Vertrauenskapital eingetragen, verbunden mit seiner einzigartigen Fähigkeit, jegliche Dinge auf einfachste Art zu erklären, aber nie populär oder populistisch, sondern immer der Komplexität gerecht werdend, die die Dinge einfach haben in der Politik. Ich glaube, das haben die allermeisten Deutschen gespürt.

Helmut Schmidt war auch ein Kulturmensch. Er spielte Klavier und Orgel. Und es gab schwierige politische Situationen, in denen er sich zuerst mit Schriftstellern austauschte. Glauben Sie, dass das eine Wertschätzung für die Künste hinterlassen hat?

Es war eine Wertschätzung, ganz gewiss. Gerade auch seine Freundschaft mit Max Frisch, dem Schweizer. Und mit vielen anderen Künstler, Schriftstellern, Musikern. Aber es war weit mehr als Wertschätzung. Er liebte die Kunst, die Literatur, er las und musizierte Er war darin durch und durch in seinem Element, ein ungeheuer vielseitiger Mensch. Ein Mensch, der in Deutschland die grosse Verbundenheit, die es in diesem Lande zwischen Politik und Kultur geben kann, geradezu verkörperte.

Sendung: Radio SRF Kultur, Kultur kompakt, 10.11.15, 17:15 Uhr

Roger de Weck

Roger de Weck

Roger de Weck ist Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR. Von 1997 bis 2000 war er Chefredakteur der «Zeit».

13 Kommentare

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  • Kommentar von H. Wach, Luzern
    Er war neben Konrad Adenauer und Willi Brand das Sinnbild der aus einem völlig zerstörten Land, das von den Alliierten (USA,GB,UDSSR) von der eigenen Diktatur befreit werden musste, die BRD in Europa zu einen mustergültigen, festen Platz führte. Nur: Europa (Brüssel/EZB) hat es nicht verstanden seine Pläne für eine stabile Währung, Wirtschaft, Staatsverschuldung umzusetzen. Im Gegenteil: Die EU fällt wegen dem EURO, den Schulden, der Wirtschaft, der PFZ auseinander. Wir brauchen mehr HS's.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Zweiter Teil: Dieser Staatsbesuch Honeckers im Jahr 1987 mit Pauken und Trompeten war nicht nur der grösste Triumph für Honecker, sondern auch für die ganze "sozialistische" Welt. Ich habe das weltweite Triumphgeheul der Roten noch heute in den Ohren. - Nur schade, dass Helmut Schmidt nie etwas darüber geschrieben hat, dass er im Jahr 1944 bei den widerlichen Freisler-Prozessen als junger Offizier dabei war - zwar sicher dorthin befohlen, aber die Welt hätte gern mehr erfahren.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Es war schon toll, wie er den Terror der RAF-Banditen und ihrer zahlreichen Helfer bekämpft hat - und dass er auch dem Druck der Zehntausenden von Sympathisanten, die auf den Strassen zugunsten von Baader & Co. demonstrierten, nicht nachgegeben hat. Weniger schön war die Einladung an den Mauerbauer Honecker zu einem Staatsbesuch, den sein Nachfolger Kohl nicht mehr annullieren konnte, weil es auch darum ging, Zehntausende von politischen Häftlingen aus dem KZ Bautzen freizukaufen.
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