Unheimlich und gefährlich Erleuchtet durch Verschwörungstheorien: Eine Aussteigerin erzählt

Mit einer 9/11-Dokumentation fing es an bei Stefanie Wittschier. Sie wurde zur Verschwörungsideologin. Heute findet sie die Theorien nicht nur abstrus, sondern geradezu gefährlich.

Kondensstreifen am Nachthimmel über Frankfurt

Bildlegende: Verschwörungstheoretiker fühlen sich von globalen Eliten aus der Luft vergiftet. Keystone

SRF: Sie haben viele Jahre lang an die abstrusesten Verschwörungsideologien geglaubt. Wie sind Sie in die Szene hineingerutscht?

Stephanie Wittschier: 2009 oder 2010 habe ich mir mit meinem Mann eine 9/11-Doku im Fernsehen angesehen. Da wurde über diverse Ungereimtheiten beim Anschlag auf die Twin-Towers berichtet. Das hat mich neugierig gemacht. Ich habe mich an den Computer gesetzt und den Begriff «Nine-Eleven-Verschwörung» in die Suchmaschine eingegeben. Da kam ich sofort auf alle möglichen Seiten.

Die «9/11-Verschwörung» hat Sie angefixt?

Die hat mich angefixt, ganz klar. Im Internet bin ich dann von einer Ideologie zur nächsten gekommen. Nach 9/11 kam die grosse Chemtrail-Verschwörung – also der Glaube, dass die «globalen Eliten» chemische Stoffe aus Flugzeugen versprühen, mit denen sie uns vergiften wollen.

Was wir für Kondensstreifen halten, sind angeblich Chemtrails?

Verschwörungsideologen behaupten das, ja. Nach den Chemtrails habe ich mich dann intensiv mit HAARP beschäftigt.

Womit bitte?

Mit HAARP, einem Forschungsprogramm des US-Militärs, das in den Augen von Verschwörungsideologen das Wetter beeinflussen oder wahlweise auch als Mind-Control-Maschine funktionieren soll. Im Internet finden sie unzählige Seiten dazu. Man klickt sich von einem Link zum nächsten und verstrickt sich immer tiefer in die verrücktesten Verschwörungstheorien.

Warum macht man das? Was ist das Aufregende daran?

Man findet das einfach spannend. Ausserdem wird man von dem erhebenden Gefühl erfüllt, man sei Teil von etwas Grossem; man empfindet sich als aufklärerischer Geist, der hinter die Kulissen blickt, man meint verstanden zu haben, wie die Welt im Innersten funktioniert. Das hat schon was. Man fühlt sich irgendwie erleuchtet.

«  Man empfindet sich als aufklärerischer Geist, der hinter die Kulissen blickt. »

Klingt fast religiös.

Ja, das Ganze hat eindeutig etwas Sektenhaftes. Es gibt die umschwärmten Gurus – Werner Altnickel beim Thema Chemtrails zum Beispiel, oder Erich von Däniken bei der ganzen UFO-Sache –, und es gibt die gläubigen Anhänger, die den Gurus begeistert folgen. Wer Zweifel äussert oder widerspricht, fliegt ganz schnell aus der Szene raus.

«  Das Böse ist für viele Verschwörungsideologen in den USA zu Hause. Wladimir Putin dagegen scheinen die meisten sympathisch zu finden. »

Das Böse ist in den Augen vieler Verschwörungsideologen in den USA zu Hause, bei den Wall-Street-Bankern, beim Militär, im Weissen Haus. Wladimir Putin dagegen scheinen die meisten sympathisch zu finden...

Ja, die Mehrzahl der Verschwörungsideologen finden Putin toll, viele von ihnen treten auch in «Russia Today» auf, dem Putinschen Auslandssender. Warum die so auf Putin stehen, weiss ich nicht. Vielleicht, weil Putin gegen die USA ist. Russland verkörpert das Gute, weil es ein Gegner der USA ist – ich glaube, so einfach ist das.

Wo stehen Verschwörungsideologen – im Grossen und Ganzen – politisch?

Die meisten sind meiner Erfahrung nach stramm rechts. Bei den Chemtrail-Gläubigen ist das deutlich ausgeprägt, da mischen viele Rechtsideologen mit.

In der UFO- und Alien-Szene gibt’s – wie in der Esoterik überhaupt – deutliche Anklänge an den Nationalsozialismus. Da ist viel Nazizeug dabei, das kann man so sagen.

Wie haben Sie den Ausstieg aus der Szene geschafft?

Mir ist das ganze Verschwörungsideologentum unheimlich geworden, als ich auf diversen Chemtrail-Seiten das erste Mal gelesen habe, man solle doch die Flugzeuge, die Chemtrails versprühen, mit Laserpointern vom Himmel holen. Da habe ich mir gedacht: So weit kann man nicht gehen, so was kann man doch nicht machen.

«  Mir ist das ganze unheimlich geworden, als ich gelesen habe, man solle Flugzeuge, die Chemtrails versprühen, mit Laserpointern vom Himmel holen. »

Dann habe ich mich mit diversen Skeptikerseiten zu beschäftigen begonnen, und in einem langwierigen Prozess habe ich mich dann nach und nach aus der Szene gelöst. Mir ist vieles einfach ungereimt und widersprüchlich vorgekommen, da habe ich mir gedacht: Das kann doch alles nicht wahr sein, was die dir da erzählen.

Wenn man sich im Internet umsieht, hat man das Gefühl: Hunderttausende Menschen glauben an die absurdesten Verschwörungstheorien.

Das ist wohl so. Ich halte das für immens gefährlich. Vor allem auch, wenn man an die Kinder von Verschwörungsideologen denkt. Da gibt es zum Beispiel Eltern, die ihren Kindern Einläufe mit Chlorbleiche verabreichen, um die angeblich so gefährlichen Chemtrail-Gifte aus den Kindern rauszubekommen. Das ist nicht mehr lustig. Da hört sich der Spass auf.

Zur Person

Stephanie Wittschier hat an Aliens geglaubt, die in der Area 51 verborgen gehalten werden.

Sie glaubte auch daran, dass Kondensstreifen keine sind, sondern dass globale Eliten damit Menschen vergiften.

Sie ist ausgestiegen und hat darüber ein Buch geschrieben: «Die Welt der Verschwörungsideologien - Die Erlebnisse einer Aussteigerin», ksw-Verlag 2014

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