Erschütternd: Arbeitslose Griechen erzählen ihre Geschichten

Griechenland, Jahr sechs der Krise: Die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 27 Prozent. Was das konkret bedeutet, macht ein Internetprojekt erfahrbar. Arbeitslose können hier ihre Geschichte veröffentlichen – anonym. Der Macher des Portals ist ob der Schicksale immer wieder erschüttert.

Ein junger Mann sitzt vor der Türe eines Büros auf dem Boden.

Bildlegende: Griechenland steckt weiter in der Krise: Ein Mann wartet vor dem Büro einer Organisation für Arbeitslose. Keystone

«Wir reden über die Arbeitslosenzahlen, aber wenig über die Menschen, die sich hinter diesen Zahlen verbergen», sagt der Journalist und Schriftsteller Christoforos Kasdaglis. Das war für ihn der Anlass, die Internetplattform «Tagebuch eines Arbeitslosen» ins Leben zu rufen.

«Die Zeit war reif»

Fast anderthalb Millionen Menschen sind im kleinen Griechenland heute ohne Arbeit, in vielen Haushalten gibt es niemanden mehr mit einem Einkommen. Ganze Familien leben von der gekürzten Rente der Grosseltern. Diesen Menschen wollte Christoforos Kasdaglis eine Stimme geben, um so das Unfassbare erfahrbar machen.

«Die Zeit war offenbar reif für dieses Projekt», bilanziert Kasdaglis in seinem Büro, in dem die Bücherregale bis unter die Decke reichen. Denn keine halbe Stunde nachdem die Internetplattform online gegangen war, tauchte der erste Post auf:

«‹Bürohilfe mit Computerkenntnissen gesucht. Arbeitszeit täglich 10 bis 14 Uhr, Monatslohn 150 Euro.› – Lächerlich, aber nach drei Jahren ohne Arbeit habe ich wie selbstverständlich auf diese Anzeige geantwortet. Beim Bewerbungsgespräch waren weitere 40 Interessentinnen da. Alle hatten die nötigen Qualifikationen, manche hatten Empfehlungsschreiben, andere die Siegesgewissheit, die nur Vitamin B verleiht. Alles umsonst. Der Job ist innerhalb weniger Minuten an diejenige gegangen, die bereit war, anstatt für 150 für nur 110 Euro im Monat zu arbeiten. Voilà, der Arbeitsmarkt der Zukunft!»

Schicksale in Buchform

Eine der stärksten Geschichten musste Kasdaglis zu seinem grossen Bedauern löschen. Die Verfasserin selbst hatte ihn darum gebeten: «Sie machte sich Sorgen, dass sie über ihre IP-Adresse identifizierbar sein könnte.» Eine völlig überzogene Reaktion, die Kasdaglis dennoch respektierte. Zum Glück war das ein Einzelfall. Inzwischen sind so viele Posts veröffentlicht worden, dass der renommierte griechische Literaturverlag Kastaniotis 100 dieser Tagebucheinträge in einem Buch veröffentlicht hat.

Dass eine Verfasserin ihren Beitrag wieder löschen wollte, macht deutlich, wie existentiell bedrohlich das Problem der Arbeitslosigkeit in Griechenland ist. Denn eine geregelte Sozialhilfe gibt es dort nicht. Wenn das Arbeitslosengeld nach zwölf Monaten ausläuft, droht der Absturz. Und auf eine neue Stelle können nur die wenigsten hoffen: Drei von vier Betroffenen sind heute langzeitarbeitslos.

Private Probleme werden nicht öffentlich diktutiert

ZWei Männer stehen vor einem Anschlagbrett

Bildlegende: Stellenangebote sind rar: Die Chance, wieder einen Job zu finden, ist in Griechenland gering. Keystone

Aus der Presse indes erfährt man die Geschichten dieser Menschen nicht. Die meisten Griechen stehen den Medien kritisch bis ablehnend gegenüber. Hinzu kommt ein kultureller Unterschied: Viele Themen, die in Mittel- und Nordeuropa öffentlich diskutiert werden, werden in Griechenland ausschliesslich im Familienkreis verhandelt. Und selbst da halten sich die Arbeitslosen aus Stolz und Rücksichtnahme oft bedeckt. Manch ein Post macht deutlich, dass die Betroffenen ihr Leid zum Beispiel vor den Eltern verbergen.

Die Internetplattform hingegen erlaubt einen unverstellten Einblick in das Seelenleben der Arbeitslosen, denn es ermöglicht ihnen, sich anonym zu äussern. Für den Leser sind diese Geschichten ein Schlag in die Magengrube. Auch Christoforos Kasdaglis, der die Posts freischaltet, hat als ihr erster Leser oft mit seinen Gefühlen kämpfen müssen. Die Erfahrungsberichte haben auch seine eigene Wahrnehmung verändert.

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