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Gesellschaft & Religion Ersetzen die neuen Medien unseren Glauben an Gott?

Wir schauen auf unseren Smartphones fern, telefonieren per Internet und surfen im weltweiten Netz. Unser Alltag ist durchdrungen von Medien und Technologie. Und: Die neuen Medien bieten eine Art Religionsersatz. Nicht mehr Gott, sondern Wikipedia hat mittlerweile alle Antworten parat.

Eine Menschenmenge sitzt im Dunkeln vor einem riesigen Bildschirm, der Bilder von neuen Tablets zeigt.
Legende: Wenn die Massenmedien die Religion ablösen, sind dann die Technologie-Konferenzen die neuen Kirchen? Reuters

Marshall McLuhan gilt als Pionier der Medientheorie. «The medium is the message» ist eine seiner Leitthesen. Mit anderen Worten: Es ist nicht der Inhalt einer Nachricht, der zählt, sondern die funktionale Struktur. Was das Internet also ausmacht, ist nicht die Tatsache, dass wir eine E-Mail schreiben oder einen Film streamen, sondern dass wir virtuell mit der ganzen Welt vernetzt sind. Das Medium selbst ist also die Nachricht. Wir erleben die Welt als «global village».

Von Gutenberg zur Informationstechnologie

Vor dem globalen Dorf lebt der Mensch noch in der «Gutenberg-Galaxis». Durch Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks wird das Buch ab 1450 zum Massenmedium. In der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt es zu einem ersten Bruch: mit der Erfindung der drahtlosen Telegrafie. Die Elektronik beginnt ihren Siegeszug.

Der deutsche Medientheoretiker Friedrich Kittler ortet im Grammophon, im Film und in der Schreibmaschine die neuen Medien, welche die alten Lebensformen nach und nach massenmedial prägen: neue Aufschreibesysteme, neue Reproduktionsmittel. Ähnlich beschreibt es Walter Benjamin. Die Reproduktionstechniken Photographie und Film zerstören die Aura der bildenden Kunst. Das einst einzigartige Gemälde der Mona Lisa lebt jetzt massenmedial auf Postern, Postkarten und im Netz.

Der Glaube an die «Turing-Galaxis»

Mit dem Begriff «Turing-Galaxis» will der Informatiker Wolfgang Coy die Mediengeschichte von McLuhan weiterführen. Die Erfindung des Computers, die hauptsächlich auf den britischen Code-Knacker Alan Turing zurückzuführen ist, läutet wieder ein neues Zeitalter ein.

Hier hakt auch der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz ein. Er behauptet, dass die neuen Medien einen Religionsersatz im Sinne von Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit bieten. Nicht mehr Gott, sondern die sich ausbreitende Vernetzung ist präsent und hat, beispielsweise mit Wikipedia, alle Antworten parat. Ursache dafür sei die Säkularisierung und der wachsende Atheismus der Moderne.

Da aber jede Gesellschaft zum Funktionieren eine religiöse Grundhaltung brauche, suche sie ihren Ersatz in den Themen der Massenmedien. Der Glaube verschiebt sich. Für Bolz beten wir nicht mehr zu Gott, sondern zu Greenpeace oder zum Biosteak.

Die Technik als bester Freund des Menschen

Kommt es zu einer Entfremdung von Technik und Welt, rät der Technikphilosoph Gilbert Simondon zu einer freundschaftlichen Annäherung an das technische Gerät. Wir sollten die technologischen Maschinen also nicht nur blind benutzen, sondern ihnen auch einen integrierten Platz zwischen den Menschen schenken. Denn schliesslich ist jedermanns Alltag ohne technische Hilfe nicht mehr zu bewältigen.

Je mehr wir also versuchen, die Technik zu unterdrücken und aus der Gesellschaft zu verdrängen, desto mehr entfremden wir uns von der Welt, in der wir leben. Denn diese Welt ist durch und durch technisch strukturiert.

Die Probleme, die durch die Technik entstehen, sind also auf ihren ausbeuterischen Gebrauch zurückzuführen. Simondon plädiert für ein harmonisches Zusammenleben zwischen Mensch und Maschine, indem wir uns der Maschine freundschaftlich annähern.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Odessa ums Jahr 1972, also noch in der finstersten UdSSR-Zeit, als noch in der Armee christliche Soldaten ermordet wurden, z.B. Moissejew und Chmara. Da schrieb eine christliche Jugendgruppe an Breschnew: Ihr werdet es NIE schaffen, unseren Glauben an Gott und an Jesus Christus zu zerstören, auch wenn ihr uns foltert und tötet. - So ist es auch heute: Die vom "Fürsten dieser Welt" (Zitat Bibel) kontrollierten Medien werden es auch nie schaffen. Nehmt das zur Kenntnis, Leute!!
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    1. Antwort von Stefan, BE
      Die christliche Religion wird wie jede andere Religion mal aussterben, dies ist immer nur eine Frage der Zeit. Bis jetzt sind alles Götter verschwunden, das Christentum wird hier wohl keine Ausnahme machen. Viele nehmen sich immer nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit und deshalb erscheint ihnen eine Religion so unendlich wichtig.
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    2. Antwort von Stefan, BE
      Dies deutet aber letztlich eher auf eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung hin. Man sollte nicht so tun als wäre der Glaube an einen Gott grundsätzlich etwas gutes.... letztlich ist es nur ein menschengemachtes Konzept geprägt vom kulturellen Umfeld...
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