Esen Isik: Mit der Kamera gegen Ungerechtigkeit

Die Filmemacherin Esen Isik kam 1990 in die Schweiz. Als Türkin mit kurdischen Wurzeln wuchs sie in einem Land auf, das die Kultur ihrer Vorfahren verdrängte. Ihre Inspiration für ihre Filme holt sie trotzdem aus den Geschichten ihrer Ahnen – und auch aus ihrem eigenen Leben.

Ein Weihnachtsbaum mit bunten Christbaumkugeln und Lichterkette steht in der Ecke des Raumes. An der Wand hängt ein Bild von einem Zug, der durch einen Wald im Nebel fährt. Im Café Plüsch im Zürcher Quartier Wiedikon ist Esen Isik oft zu Besuch. Ganz in der Ecke hinter dem Weihnachtsbaum sitzt sie auf der Bank und sagt: «Ich komme oft hierher, um mich auszuruhen. Mein kleines Filmbüro ist ganz in der Nähe.»

«Ich durfte keinen kurdischen Akzent haben»

Esen Isik ist in Istanbul geboren, sie ist allerdings kurdischer Abstammung. Ihre Grosseltern wurden nach dem Massaker an den Kurden unter dem türkischen Regime 1938 zur Umsiedlung gezwungen. Sie verliessen ihre Heimatstadt Dersim.

Die kurdische Sprache sei damals verboten gewesen, erzählt Esen Isik. Die Kurden seien zur Assimilation gezwungen worden: «Ich bin in Istanbul aufgewachsen. Damals sprachen meine Eltern mit mir immer auf Türkisch, weil ich keinen kurdischen Akzent haben durfte.»

«Meine Inspiration ist kurdisch»

Sie zündet sich eine Zigarette an. «Für meine Arbeit lasse ich mich von den alten, kurdischen Wanderern inspirieren. Sie gingen von Dorf zu Dorf, um den Leute Geschichten zu erzählen. Damals waren diese Geschichtenerzähler das Kino oder das Theater. Meine Filme erzählen solche Geschichten.»

Für Isik ist der kurdische Regisseur Yilmaz Güney (Gewinner der Goldenen Palme, † 1984) eine Inspiration. «Meine Drehbücher sind meistens Fiktion, aber beruhen auf wahren Begebenheiten, ähnlich wie bei Güney.»

Wegen der Liebe in die Schweiz gekommen

Ende der 1980er-Jahre waren Isik und ihr damaliger Freund Mitglieder der linken jugendlichen Bewegung, die sich nach dem Militärputsch 1980 gebildet hatte.

Sie zündet die nächste Zigarette an: «Damals schrieb ich für eine Zeitung und war bei Protesten und Kundgebungen aktiv dabei. Ich war sowohl eine Innenpolitikkritikerin als auch Filmkritikerin.»

1989 wurde Esen Isik festgenommen und war sechs Monate im Gefängnis. Ihr Freund floh in die Schweiz – sie kam mit. Sie schnippt die Asche in den Aschenbecher und sagt: «Ich bin wegen meiner ersten Liebe 1990 in die Schweiz gekommen, als ich 19 Jahre alt war.»

Ausbildung an der ZHdK

Sie studierte an der Zürcher Hochschule der Künste, wo sie 1997 mit Diplom im Fachbereich Film/Video abschloss. Ihr Abschlussfilm «Sich zum Sterben hinlegen» wurde auch im Schweizer Bundeshaus gezeigt: «Der Film handelt von einer Türkin in der Schweiz und ihrem gewalttätigen Ehemann, und dass die Frau trotz Schikanen und Gewalt bei ihm bleibt – aus Angst vor der Ausschaffung.»

Der Film hat Parallelen zu ihrer eigenen Biographie. Esen Isik nimmt ihre Mütze vom Kopf: «Meine Ehe hatte nicht geklappt, ich wurde nach einem Jahr geschieden. Dann wollte mich die Schweiz ausschaffen, weil ich weniger als fünf Jahre hier war.»

Das Gesetz ist mittlerweile geändert: Heute können eingewanderte Frauen, die in ihrer Ehe Gewalt erleben und sich von ihrem Mann trennen, auch nach der Scheidung in der Schweiz bleiben – wenn sie es beweisen können. «Mein Film hat vielleicht etwas zu dieser Gesetzesänderung beigetragen, einen ganz kleinen Teil», sagt Isik.

Engagement für Frauen

Neben ihrer Tätigkeit als Filmerin ist Esen Isik im Frauenhaus und in der Beratungsstelle Zürich Oberland angestellt: «Ich übersetze für die Frauen, wenn sie die Sprache nicht kennen, oder ich stehe ihnen beratend zur Seite.»

Momentan schreibt Esen an einem neuen Drehbuch, Titel «Die Sühne». Es ist die Geschichte ihrer kurdischen Vorfahren und deren Einwanderungsgeschichte.

Zur Person

Zur Person

Esen Isik (46) aus Zürich ist in Istanbul geboren, kam 1990 in die Schweiz und hat die türkische und Schweizer Staatsbürgerschaft. Sie ist Regisseurin und gewann zweimal den Schweizer Filmpreis in der Kategorie «Bester Kurzfilm». Sie hat den «Kulturplatz»-Beitrag «Aus dem Innenleben der privaten Flüchtlingsbetreuung» gedreht.

Über den Autor

Über den Autor

SRF/Merly Knörle

Khusraw Mostafanejad (31) ist iranischer Kurde, Blogger und politischer Flüchtling. Er schrieb kritisch über die Unterdrückung der Kurden im Iran, wurde vom Geheimdienst verhaftet und floh in die Schweiz. Er schreibt als Gastautor für srf.ch die Porträts der fünf «Kulturplatz»-Macher, die die Sendung «Mit dem anderen Blick» gestalten.

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