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Kreativität verändert die Welt
Aus Kulturplatz vom 28.04.2021.
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Fantasie-Killer Corona Was tun, wenn einem nichts einfällt, Herr Professor?

Viele Menschen haben diese Tage das Gefühl, dass sich Corona wie Mehltau auf die Stimmung und die eigene Kreativität legt. Man will kreativ sein will – aber es fällt einem partout nichts ein. Was genau passiert da im Gehirn?

Der Neuropsychologe Lutz Jäncke hat zur Kreativität geforscht und dabei auch mit Musikerinnen und Schriftstellern gearbeitet. Er rät zur bewussten Ablenkung – und zu weniger Verbissenheit.

Lutz Jäncke

Lutz Jäncke

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Lutz Jäncke ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Schwerpunkte seiner Forschung sind die kognitive Psychologie und die Plastizität des Gehirns. Hierzu verwendet er moderne bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie und Elektroenzephalografie.

Am 10. Mai erscheint sein Buch «Von der Steinzeit ins Internet. Der analoge Mensch in der digitalen Welt» (Hogrefe).

SRF: Die Corona-Pandemie drückt auf Gemüt und Fantasie. Was passiert da im Gehirn?

Lutz Jäncke: Der Homo sapiens, also wir, sind 80’000 Jahre lang durch die Welt marschiert. Wir sind Weltmeister im Suchen und Pflegen des sozialen Kontakts, im Erkennen von sozialen Signalen, von Gesicht, Mimik, von Gestik.

Diese Pandemie sperrt die Leute ein. Wir merken, uns fehlt der Mensch. Das löscht ab.

Viele sagen, ihnen falle nichts ein. Wie kommt man da raus?

Das Einzige, was uns da hilft, ist Fantasie. Man kann mit der Fantasie Reisen unternehmen. Das kann nicht jeder. Das muss man lernen und auch die Fähigkeiten dafür haben, offen zu sein. Man muss die Fantasie pflegen. Ich lese sehr viel, von Hörbüchern bin ich ein grosser Fan geworden.

Ich empfehle, sich mehr auf die Natur einzulassen, genau hinzuschauen, Zeit zu verlieren. So kommen andere Gedanken.

Was könnte noch helfen?

Alternative Verhaltensweisen entwickeln.

In den Wald gehen?

Wenn Sie jeden Tag in den gleichen vier Wänden sind, langweilen Sie sich. Deswegen geht man gerne woanders hin, um eine andere Reizumgebung zu geniessen. Damit lösen wir Orientierungsreaktionen. Das lässt uns aufmerksam werden.

Im Wald haben Sie frische Luft, können durchatmen. Ich empfehle, sich mehr auf die Natur einzulassen, genau hinzuschauen, Zeit zu verlieren. So kommen andere Gedanken.

Die besten Ideen kommen sowieso zeitversetzt – etwa auf der Toilette oder an der Supermarktkasse.

Der Klassiker. Das hat angeblich bereits der griechische Philosoph Archimedes von Syrakus beschrieben, dass ihm die Ideen immer woanders kommen. Wenn wir ein Problem lösen wollen, nutzen wir zumeist gewohnte Wege. Dann rattert unser Gehirn-Computer im gewohnten Modus los. Sie aktivieren ein bestimmtes semantisches Netzwerk. Das besteht aus einer endlichen Gruppe von Neuronen, die aktiviert werden.

Stress mag das Gehirn gar nicht. Unter Stress versucht das Gehirn, sich in Automatismen zu retten.

Aber Sie brauchen nicht diese Neuronen, sondern andere Neuronen, andere Informationen, um das Problem zu lösen. Wir müssen also dieses Netzwerk runterfahren und ein anderes aktivieren.

Wenn man versucht, dieses Problem zu lösen, dann hilft es wenig, stundenlang drauf zu starren?

Genau. Sie fügen Ihrem Gehirn zusätzliche und neue Informationen zum Problem hinzu. Wir nennen das Inkubation. Diese Inkubation, diese Aktivierung anderer Netzwerke, hilft, dass eine Idee kommt.

Lassen Sie ein Thema sich entwickeln. Wie den Hefeteig beim Brot.

Und gelassen sein. Stress mag das Gehirn gar nicht. Unter Stress versucht das Gehirn, sich in Automatismen zu retten. Deswegen trainiert man einen Piloten, dass er in Stresssituationen reagiert und gar nicht mehr darüber nachdenken muss. Unter Stress werden Sie daher wenig kreativ sein.

Weg von Automatismen und Stress, hin zu …?

95 Prozent unserer Hirnaktivität führen nicht zu bewussten Wahrnehmung und Denkprozessen. Ich rate daher: Machen Sie etwas für andere. Sprechen Sie mit anderen Leuten.

Sie können auch mal kurz das Thema anschneiden, aber nicht mehr verbissen am Thema arbeiten, lassen Sie es sich entwickeln. Wie den Hefeteig beim Brot: Es kommt, es kommt schon. Und auf einmal: Heureka!, haben Sie es parat und können weiterarbeiten.

SRF 1, Kulturplatz, 28.04.2021, 22:25 Uhr.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Hanspeter Zaugg  (rägetag)
    Der Neuropsychologe rät zur Ablenkung. Für dass brachts keinen Neuropsychologen da kann man auch selber drauf kommen Oder?

    Allen kranken und alleingelassenen Kraft und Mut
  • Kommentar von Daniel Beck  (Daniel Beck)
    Nachtrag noch zu meinem Kommentar von vorhin: Aber ich habe eben schon ziemlich stark das Gefühl, dass "da" etwas dran ist, an meinem Gefühl.
    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Ja, doch. Für mich ist das zwingend bloss ein Gefühl. Unsere Familie lebt gut in dieser Zeit, niemand fühlt sich eingesperrt. Wir üben auch sonst Geduld. Vielleicht weil wir viel Krankheiten haben oder so. Die Corona-Zeit erleben wir somit als etwas was vorüber geht, auch wenn wir uns durchaus bewusst sind dass die Viren noch lange bleiben und mutieren werden.
  • Kommentar von Daniel Beck  (Daniel Beck)
    Er spricht hier etwas an, wo mir auffällt, dass das glaub viele missverstehen: Und zwar das Thema "eingesperrt" sein, sich irgendwie "eingesperrt" fühlen, obwohl man's nicht ist- wir hier in der Schweiz gottlob nicht waren und nicht sind! In einem übertragenen und metaphorischen Sinne gemeint. Ich denke darum, dass z.B. gerade in Leserkommentaren "dies" (vielmals) "so" gemeint ist- wenn jemand schreibt, dass Sie/er sich nicht mehr (lange) "einsperren" (lassen) mag. Ev. irre ich mich auch.