Darf man opfern, um zu retten? Gedankenexperiment: Strassenbahn

Was ist schlimmer: Fünf Menschen sterben lassen oder einen Menschen töten? Dürfen Menschenleben gegeneinander abgewogen werden? Um diese ethischen Fragen dreht sich das Gedankenexperiment «Strassenbahn», das uns die zwei wichtigsten Theorien der Moral näher bringt: Utilitarismus und Pflichtethik.

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Filosofix: Das Gedankenexperiment «Strassenbahn»

2:15 min, aus Filosofix vom 22.12.2015

Das Gedankenexperiment mit der Strassenbahn stammt ursprünglich von der britischen Philosophin Philippa Foot und wurde später von der US-amerikanischen Philosophin Judith Jarvis Thomson in vielfältigen Varianten durchgespielt.

Thomson interessierte sich dabei insbesondere für die moralische Unterscheidung zwischen aktivem Tun und passivem Unterlassen. Das Schlechte zu tun scheint uns nämlich oft verwerflicher zu sein als das Gute zu lassen – auch wenn dasselbe dabei herauskommt.

Töten oder Sterbenlassen – ein Unterschied?

Warum ist es schlimmer, Kinder aktiv zu töten als sie verhungern zu lassen? Das erste würden wir nie tun. Das zweite lassen wir Tag für Tag geschehen. Es muss also einen moralischen Unterschied zwischen Töten und Sterbenlassen geben.

Es reicht jedoch nicht, zu sagen, «Wer nichts tut, den trifft auch keine Schuld», denn wer seiner Hauskatze kein Wasser zum Trinken gibt, der tut zwar nichts, ist aber dennoch schuld. Manche würden gar sagen, er habe den Tod der Katze verursacht – obwohl er nichts getan hat.

Besser nur ein Toter als fünf?

Der Fall der Strassenbahn ist noch viel kniffliger. Stellen Sie sich vor, eine Strassenbahn kann nicht bremsen und rollt direkt auf fünf Gleisarbeiter zu. Nur Sie können den Tod der Arbeiter verhindern, nämlich indem Sie eine Weiche stellen und die Bahn umlenken. Doch auf dem anderen Gleis steht auch ein Arbeiter, ein einzelner.

Entweder also Sie tun nichts und fünf Menschen sterben oder Sie stellen die Weiche und ein einzelner Mensch stirbt. Was ist moralisch geboten? Die meisten Menschen finden es richtig, die Weiche zu stellen, auch wenn dabei jemand stirbt. «Besser ein Toter als fünf», lautet die Begründung.

Beim dicken Mann getraut sich niemand

Doch was tun Sie, wenn Sie die fünf Arbeiter nur retten können, indem Sie einen sehr dicken Mann von einer Brücke stossen, sodass dieser die Bahn zum Stehen bringt?

Hier finden die meisten, man dürfe den dicken Mann auf keinen Fall von der Brücke stossen – auch wenn damit fünf Menschenleben gerettet werden. Dass Sie selbst vor die Bahn springen, ist übrigens keine Option, da Sie nicht schwer genug sind. Darum der dicke Mann. Warum aber gilt bei der Weiche «fünf gegen eins» und beim dicken Mann «eins gegen fünf»? Wo liegt der Unterschied?

Die Absicht empört uns

Der direkte Körperkontakt mit dem dicken Mann mag ein psychologisches Hindernis sein. Es fragt sich jedoch, ob er für die moralische Beurteilung relevant ist: Angenommen, der dicke Mann steht auf einer Falltür, die Sie aus der Ferne mit einem Hebel öffnen können. Dann ist Ihre Handbewegung in beiden Strassenbahn-Fällen exakt dieselbe: Sie legen einen Hebel um.

Im einen Fall lenken Sie damit den Zug auf ein anderes Gleis und ein Mann kommt ums Leben. Im anderen Fall öffnen Sie eine Falltür, wodurch ein dicker Mann vor einen Zug fällt, ihn stoppt und dabei stirbt. Denken Sie, in dieser letzten Variante sollte man die Falltür öffnen? Worin besteht der Unterschied zwischen den beiden Situationen?

Eine vielversprechende Antwort lautet: Bei der Weiche beabsichtige ich den Tod des einzelnen Gleisarbeiters nicht, sondern nehme ihn lediglich in kauf. Den dicken Mann dagegen werfe ich absichtlich in den Tod, um die fünf Arbeiter zu retten. Hier wird ein Mensch auf seinen Körper reduziert und zu einem blossen Mittel zum Zweck gemacht. Gegen diese Instrumentalisierung richtet sich unsere moralische Empörung.

Das grösste Glück für viele

Bei der «Strassenbahn» stehen sich die zwei einflussreichsten Moraltheorien gegenüber. Gemeint sind der Utilitarismus und die Pflichtethik. Gemäss dem Utilitarismus bemisst sich der moralische Wert einer Handlung allein an den erwartbaren Folgen der Handlung: Wenn du wissen willst, ob eine Handlung gut ist, dann schau, was dabei herauskommt.

Für die Praxis heisst das: Handle so, dass durch deine Handlung das Glück der Betroffenen maximiert und das Leid minimiert wird. Das grösste Glück für die grösste Zahl – darin besteht das Ziel der Moral. Die Begründung «Besser ein Toter als fünf» ist also eine utilitaristische Begründung. Wichtige Vertreter des Utilitarismus waren die beiden englischen Philosophen Jeremy Bentham (1748-1832) und John Stuart Mill (1806-1873). Der bekannteste gegenwärtige Vertreter dieser Denkrichtung ist der australische Philosoph Peter Singer.

Töten und Foltern ist absolut schlecht

Anders sieht das die Pflichtethik (auch «Deontologie» genannt, vom altgriechischen «deon» für «Pflicht»): Ihr zufolge besteht der Wert einer Handlung nicht nur in ihren Konsequenzen, sondern in der Handlung selbst.

Es gibt Handlungen, die schlecht sind, egal wie viel Gutes dabei herauskommt. Töten, Foltern und Stehlen gehören dazu. Diese Handlungen sind kategorisch falsch und können nicht durch Kosten-Nutzen-Rechnungen aufgewertet werden. Es gibt Dinge, die man nicht tun darf, unter keinen Umständen.

Diese moralischen Verbotsschilder schützen unsere Menschenwürde und verhindern, dass unsere Interessen oder unser Leben für das Gemeinwohl geopfert wird. Die Pflichtethik geht auf Immanuel Kant (1724-1804) zurück, den deutschen Aufklärungsphilosophen.

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