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Filosofix «Die Verteilung zwischen Arm und Reich ist höchst ungerecht»

Die Welt ist ungerecht – selbst hier in der Schweiz. Davon ist der populäre Philosoph Richard David Precht überzeugt. Wo er gegenwärtig den grössten Handlungsbedarf sieht und warum vollständige Gleichheit keine Lösung ist, verrät er im Interview.

Illustration, im Vordergrund Richard David Precht, dahinter zwei Männer, die schwere Steine tragen und von einem Mann mit Peitsche angetrieben werden.
Legende: Der Glaube, dass einzelnen Privilegien quasi durch Geburt zustehen, ist für Richard David Precht moralisch falsch. SRF / Cecilia Bozzoli / Nino Christen

Herr Precht, wenn Sie die heutige Welt betrachten: Welches sind für Sie die drängendsten Anliegen in Sachen Gerechtigkeit?

Die Verteilungsgerechtigkeit im Hinblick auf Chancen und Güter. Dass von dieser gegenwärtig nicht die Rede sein kann, verraten uns nicht zuletzt die nicht versiegenden Flüchtlingsströme.

Wie könnte uns die Idee eines «Schleier des Nichtwissens» von John Rawls dabei helfen, die heutige Welt und unsere Gesellschaft gerechter zu gestalten?

Sie könnte uns helfen, unsere Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Unter ethischen Gesichtspunkten darf es nicht darauf ankommen, ob man zufällig Schweizer ist oder Deutscher oder Nigerianer. Tatsächlich aber macht es in unserem Alltagsdenken einen gewaltigen Unterschied. Wir glauben, dass uns die Privilegien der reichen Länder quasi durch Geburt zustehen. Das ist moralisch falsch – und das Gedankenspiel von Rawls zeigt das ganz klar auf.

John Rawls behauptet mit seinem «Differenzprinzip», wirtschaftliche und soziale Ungleichheiten könnten unter bestimmten Umständen gerecht sein – egal wie gross sie sind. Wichtig sei nur, dass die Ungleichheit auch denjenigen zugutekomme, die am schlechtesten gestellten sind. «Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen», schreibt Rawls, «den am wenigsten Begünstigten den grösstmöglichen Vorteil bringen.» Stimmen Sie da Rawls zu?

Ja, ich stimme Rawls zu. Vollständige Gleichheit ist nur unter dem Vorzeichen eines egalitären Terrors zu bewerkstelligen – und nicht mal unter diesem ist sie möglich.

Ist die Verteilung zwischen Arm und Reich in Ländern wie Deutschland oder der Schweiz gerecht?

Selbstverständlich nicht! Und ich möchte den sehen, der das Gegenteil behauptet. Wenn der eine Millionen erbt und der andere in einen Haushalt ohne Inspiration, Geld und Perspektive hineinwächst – wie soll man das als gerecht empfinden? Und es ist ja auch nicht so, dass die Ärmsten der Schweizer oder deutschen Gesellschaft davon profitieren, dass die Reichsten reicher werden.

Wie kann sich jede und jeder von uns für mehr Gerechtigkeit einsetzen?

Immer und überall.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

17 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Fries, Flühli / LU
    Wenn ein Reicher jedes Jahr 100'000 Franken erhält (ob er es auch verdient, ist wieder eine Andere Frage) und davon 1 Franken einem Armen gibt profitiert der Arme. Aber wo ist da die Verhältnissmässigkeit? Von wegen " Ungleichheit kann gerecht sein wenn die Armen davon profitieren". Es spielt also schon eine Rolle in welchem Masse die Armen profitieren.
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  • Kommentar von Brigitte Matteuzzi, Luzern
    ...und wo ist die Gerechtigkeit zwischen dem, der mittellos und glücklich ist und dem, der ebenfalls mittellos aber ständig mit seinem Schicksal hadert?? Man kann dies ebenfalls auf einen glücklichen Reichen und unzufriedenen Reichen anwenden - aber von links beleuchtet würde dieser Vergleich nicht stimmen: Reiche haben glücklich zu sein, da ist schon genug Un-Gerechtigkeit vorhanden...
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  • Kommentar von Josephine d'Esprit, Zürich
    Meine Generation wurde in ein gemachtes Bett geboren, es gibt nichts was uns fehlt. Liebend gerne würde ich unseren Wohlstand halbieren, allein um Platz für Kreativität und ein Miteinander zu schaffen. Solange wir unseren wahnwitzigen Konsum nicht einstellen, wird sich nichts ändern. Solange Produkte aus dem Ausland günstiger sind, als Lokale werden Bauern ihre Milch wegschütten. Importware muss im Preis hoch, der Anbieter anständig entlöhnt werden und lokale Anbieter Vorverkaufsrecht erlangen.
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    1. Antwort von Hans Knecht, Torny
      #Josephine d'Esprit, bitte beachten Sie wer künstlicht den Schweizer Franken überbewertet und wer davon profitiert. Schweizer sind es m.E. in der Regel entgegen der Beteuerungen mancher in der Medien nicht. Man könnte die Situation auch als Wirtschaftskrieg oder Imperialkrieg betrachten. Wie in einem Drittweltland kann man da ein Miteinander nicht mehr erwarten.
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    2. Antwort von Peter Fries, Flühli / LU
      Liebe Josephine, Wie wir, wären viele Wohlhabende bereit, ihren Wohlstand zu teilen. Aber wären wir auch bereit, mit den Armen die Armut zu teilen? den Hunger? Den Krieg? Die Kriminalität? Die Krankheiten usw.? Wenn der Hunger gleichmässig auf die Menschen verteilt wäre, müssten wir Schweizer an einigen Tagen pro Woche hungern. Wären wir dazu bereit?
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