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Fluch des Rechtspopulismus «Ich möchte konservative Gedanken äussern dürfen»

Ulrich Greiner war langjähriger SPD-Wähler und ehemaliger Feuilleton-Chef der Zeitung «Die Zeit». Heute hat er konservative Ansichten, sagt aber: «Ich möchte kein Rechter sein».

Ein Mann mit Brille und dunklem Jacket.
Legende: «Ich möchte kein Rechter sein und nichts mit Nazis zu tun haben. Aber ich möchte konservative Gedanken äussern dürfen.» Imago/Sven Simon

SRF: Ulrich Greiner, die Bundestagswahl ist vorbei. Was haben Sie gewählt?
Ulrich Greiner: (Lacht.) Das ist ein Wahlgeheimnis, aber ich gestehe, dass ich CDU gewählt habe. Und dass ich es schon wieder bereut habe, als ich die Wahlkabine verliess.

Sie schreiben auch in Ihrem Buch, dass ein Konservativer in der CDU unter Angela Merkel keine Heimat mehr findet. Warum genau?
Angela Merkel hat die CDU modernisiert. Sie hat sie in die Mitte gerückt und teilweise nach links.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Erinnern Sie sich noch, was für ein starkes Motiv der Kampf gegen die Atomkraft war? Das war eines der grossen Motive, das der Grünen Partei zu Erfolg und Ansehen verholfen hat. Und jetzt kommt mit der CDU die Partei, die immer die Atomkraft-Partei gewesen ist, und sagt nach Fukushima: «Schluss, aus!»

Mir ging es darum, konservative Argumenten vom Fluch des Rechtspopulismus zu befreien.

Wolf Biermann hat gegenüber SRF neulich gesagt, er wähle Angela Merkel, weil sie die letzte Sozialdemokratin sei …
(Lacht.) Das ist gut gesagt. Ich muss aber auch gleich sagen, dass der Titel «Heimatlos» ein bisschen ironisch ist. Ich möchte ja nicht im Ernst eine Partei haben, in der ich mich eins zu eins wiederfinde. Mir ging es darum, konservativen Argumenten, die mir in den letzten Jahren immer vertrauenswürdiger vorkamen, vom Fluch des Rechtspopulismus zu befreien.

Was ist denn eigentlich konservativ?
Das ist ja das grosse Problem! Es gibt eigentlich keine konservative Theorie. Der Konservative ist jemand, der reagiert. Der Konservative ist jemand, der eine Verlangsamung anstrebt, der etwas bewahren möchte, der Widerspruch einlegen möchte und der das Argument, dass etwas neu ist und deshalb gut, nicht akzeptiert.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass es eine konservative Theorie oder gar Ideologie im Grunde nicht gibt. Das unterscheidet den Konservativismus von allen rechtsradikalen Bestrebungen, eine völkische Eigenart über alle Zeiten hinweg zu definieren.

Warum ist es so, dass Menschen, die rechte Positionen vertreten, aber durchaus auf dem Boden der Verfassung stehen, immer gleich in die rechtsextreme Ecke abgeschoben werden?

Das hängt natürlich mit der furchtbaren Geschichte von Auschwitz zusammen. Dadurch ist alles, was rechts ist, ein für allemal kontaminiert. Jedenfalls in Deutschland.

Das erklärt es aber nicht allein. Denn man könnte ja fragen: Warum sind die Nationalsozialisten rechts gewesen? Man könnte auch sagen, sie waren links. Denn immerhin tragen sie im Namen den Begriff des Sozialismus, und sie haben etwas, was Konservative schon damals nicht mochten: Die Nationalsozialisten haben eine ziemlich radikale Modernisierung der gesamten Gesellschaft vorangetrieben.

Das erklärt es also nicht ganz. Worüber ich mich wundere, ist, dass die Verbrechen des Kommunismus und Stalinismus zwar im Bewusstsein sind, aber nicht annähernd die Bedeutung haben, die die Verbrechen des Nationalsozialismus haben. Auch das betrifft vor allem Deutschland.

Ich erinnere mich daran, als damals Solschenizyns Buch «Archipel Gulag» erschien, in dem er minutiös und hoch anschaulich die Verbrechen des Stalinismus beschrieben hat.

Das hat in Frankreich einen Schock ausgelöst, französische Intellektuelle sind in sich gegangen und haben angefangen, ihr Verhältnis zum Kommunismus zu überdenken. In Deutschland hat es keine Reaktion gegeben.

Botho Strauss fordert heute genau darum die Äquidistanz. Also die gleiche kritische Distanz zu beiden totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts.
Ja. Und das passiert leider nicht. Nun ist mein Buch kein mehrbändiges Werk über die Geschichte der Ideologien, sondern ein 150-seitiger Versuch, meine Position herauszuarbeiten, in der Hoffnung, dass es viele interessiert.

Sie beschreiben in Ihrem Buch eine Tendenz, das Eigene abzuwerten, während das, was von aussen auf uns zukommt, unhinterfragt als Bereicherung gesehen wird. Worin liegt das Problem?
Wenn ich an meine Sozialisation denke, ist das, was von aussen kommt, erst mal toll. Wir haben Jazz gehört, wir haben Camus gelesen, wir haben Elvis Presley gehört und Jeans getragen. Das muss sein. Das gehört dazu. Deutschland liegt ja in der Mitte Europas, umgeben von vielen Nachbarländern und vielen Sprachen. Das ist befruchtend.

Es hat aber keinen Sinn, diese historische, mitteleuropäische Tradition mit den neuen Entwicklungen gleichzusetzen. Denn diese konfrontieren uns mit einer ganz anderen Kultur. Mit einer islamischen Kultur. Mit Menschen, die aus einen Kulturkreis kommen, die mit unserer Art zu leben, miteinander zu sprechen, sich zu kleiden usw. keine Erfahrung haben und die das zum Teil auch gar nicht wollen. Und da entsteht etwas, was zu Schwierigkeiten führt.Ich sage nicht, dass diese Konflikte nicht lösbar sind. Es hat in der Vergangenheit schon öfter solche Konfrontationen gegeben. Das Problem, damit fertig zu werden, hängt jedoch erstens von der Menge und zweitens von der Zeit ab.

Jeder Kultur geht es dann gut, wenn sie sich mit anderen Kulturen auseinandersetzen kann und muss. Aber sie braucht dafür eine gewisse Zeit. Und sie braucht die Kraft. Ich glaube, dass sich Deutschland vor zweieinhalb Jahren, als die vielen Flüchtlinge kamen, in dem Punkt überfordert hat.

Deutsche mit türkischen Wurzeln, hier aufgewachsen, fordern die Todesstrafe! Daran sieht man, wie lange das, was man so einfach ‹Integration› nennt, tatsächlich dauert.

Das heisst, es war nicht möglich, so viele Leute in Deutschland aufzunehmen?
Sie sind ja nun aufgenommen. Und jetzt gibt es diesen entsetzlichen Streit über die Obergrenze.

Es wird einfach sehr lange dauern. Es kann sein, dass wir, die wir hier sitzen, die Probleme gar nicht mehr am eigenen Leib erleben werden.

Denken Sie an die viertausend Leute am Rheinufer in Köln vor anderthalb Jahren, die dem türkischen Präsidenten Erdogan zugejubelt und die Todesstrafe gefordert haben. Deutsche mit türkischen Wurzeln, hier aufgewachsen, fordern die Todesstrafe! Daran sieht man, wie lange das, was man so einfach Integration nennt, tatsächlich dauert.

Hat es Mut gebraucht, diese Dinge zu sagen, respektive dieses Buch zu veröffentlichen?
Ich war nicht mutig, sondern wütend. Ich empfand einen gewissen Zorn, dass das, was ich empfand und dachte, offensichtlich als konservativ bezeichnet werden musste, und in den Augen vieler Zeitgenossen als rechts. Ich glaube, das Wort rechts ist ein für allemal kontaminiert. Oder wenigstens für lange Zeit.

Ich möchte kein Rechter sein, ich möchte nichts mit Nazis zu tun haben. Aber ich möchte konservative Gedanken äussern dürfen, was ich auch versucht habe. Ob das mutig war? Ich glaube nicht. Wir leben in einem freien Land.

Das Gespräch führte Michael Luisier.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kontext, 1.12.2017, 9.02 Uhr.

Buchhinweis

Ulrich Greiner: «Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen.» Rohwolt, 2017.

Zur Person

Ulrich Greiner studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft. Er arbeitete für die «FAZ» und war von 1986 bis 1995 Feuilletonchef von «Die Zeit». Jetzt ist er Autor und Herausgeber des Literatur-Magazins von «Die Zeit».

Er lehrte als Gastprofessor an verschiedenen Universitäten und war Mitglied der Jury des Leipziger Literaturpreises.

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