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Fotoreporter Robert Lebeck Waffen statt Liebe: Der andere Blick auf 1968

Die Fotos des Reporters Robert Lebeck zeigen ein komplexes Jahr. Eines, das nicht nur von freier Liebe und Studentenrevolution geprägt war.

New York: Jackie Kennedy und ihre Schwester Lee Radziwill in der St. Patrick’s Cathedral, 7. Juni 1968.
Legende: New York: Jackie Kennedy und ihre Schwester Lee Radziwill in der St. Patrick’s Cathedral, 7. Juni 1968. Archiv Robert Lebeck

Als in Paris die Barrikaden brannten, war Robert Lebeck nicht vor Ort. «Das Jahr der Studentenunruhen fand ohne mich statt», resümierte der deutsche Fotograf in seiner Autobiografie «Erinnerungen eines Fotoreporters».

Entgegen der eigenen Einschätzung schaffte er es trotzdem, die brisante Stimmung und das Lebensgefühl des Jahres 1968 in seiner Fotografie zu zeigen.

Robert Lebeck

Robert Lebeck
Legende:Keystone

Der Fotografie-Autodidakt ( 1929 – 2014) war charmant, klug, gewitzt und durch und durch neugierig. Letzters war sicher die wichtigste Grundvoraussetzung für seinen Beruf. Lebeck sah sich nicht als Künstler, sondern als Reporter. Furchtlos, stets so dicht wie möglich am Geschehen dran. Er selbst erinnerte immer wieder daran, dass er zu einer anderen Zeit arbeitete: als noch nicht jeder via Smartphone zum Leserreporter werden konnte.

Immer woanders, aber immer mittendrin

Der Berliner holte sich zuerst einmal einen Kaffee, wenn andere Kollegen bereits hektisch knipsten. Danach ging er gerne ein Runde spazieren – und machte schlussendlich das entscheidende Foto, das später um die Welt ging.

Ich war immer hinter dem Leben her, nicht hinter dem Tod.
Autor: Robert Lebeck

Im Gegensatz zu Ideologien und Parteien, waren Lebeck Menschen wichtig. Er zeigt in seinen 1968-Bildern weniger die – später auch verklärte – Aufbruchstimmung Er dokumentiert ein Jahr, in dem Gewalt die Menschen dominierte. In dem diese Gewalt viele Hoffnungen begrub.

USA: Kinderkadetten in einer amerikanischen Militärakademie, 20. März 1968.
Legende: USA: Kinderkadetten in einer amerikanischen Militärakademie, 20. März 1968. Archiv Robert Lebeck

Eine Nation in Trauer

In seinen Bildern ist die Präsenz von Waffen allgegenwärtig. Selbst wenn diese nicht unmittelbar zu sehen sind, so wie bei der Beerdigung des ermordeten Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy, wo die beiden Kennedy-Witwen trauern.

Kontaktabzüge von der trauernden Jackie Kennedy und ihrer Schwester Lee Radziwill.
Legende: Kontaktabzüge von der trauernden Jackie Kennedy und ihrer Schwester Lee Radziwill. Keystone/DPA
Mein Bruder muss nicht idealisiert werden oder im Tode grösser gemacht werden, als er im Leben war; er sollte einfach erinnert werden als guter und ehrenhafter Mann.
Autor: Ted KennedyTrauerrede für seinen Bruder Robert F. Kennedy

1968 auch das Jahr einer massiven Mediatisierung: Die Robert-Kennedy-Beerdigung wurde zu einem Medienereignis hochstilisiert. Allein Lebecks Arbeitgeber, die Zeitschrift Stern, entwickelte dafür 3184 Negative, empfing 258 Funkbilder, führte 47 Telefongespräche zwischen Hamburg und Amerika, wechselte 72 Fernschreiben und legte 38.800 Flugkilometer zurück.

Fakes in den News – schon damals

Lebeck verstand sich als Dokumentarist, er wollte Realitäten möglichst genau abbilden. Diese Haltung durchkreuzten die Stern-Reaktoren oft fahrlässig, indem sie wie bei der Fotoreportage über Papst Paul VI. in Kolumbien aus zwei Fotos eines machten. Details vergrösserten und aus dem Kontext rissen, um die Bildaussage ihrer Story über die Begeisterung der Pilger zuzuspitzen.

Kolumbien: Militärpolizisten schützen Papst Paul VI. vor dem Andrang Hunderttausender Gläubiger in Bogotá, Kolumbien, 22. August 1968.
Legende: Kolumbien: Militärpolizisten schützen Papst Paul VI. vor dem Andrang Hunderttausender Gläubiger in Bogotá, Kolumbien, 22. August 1968. Archiv Robert Lebeck

Lebecks Originalaufnahmen dokumentieren neben dieser Begeisterung aber auch die umfangreichen Sicherheitsmassnahmen, die den Papstbesuch begleiteten. Die Präsenz der Militärpolizei ist allgegenwärtig.

Unveröffentlichter Sonntagsstaat

Auch die 4. Documenta in Kassel blieb von Protest nicht unberührt. Die Eröffnungsrede wurde durch lautstarke Sprechchöre, das Verteilen von Flugzetteln und das Schwenken roter Fahnen gestört.

Alles in allem aber zu wenig Tohuwabohu für die Presse. Keine Zeitschrift oder Zeitung publizierte damals Lebecks Bilder aus Kassel. Auch nicht eines seiner Lieblingsbilder, die «Familie Beuys im Sonntagsstaat».

Kassel: Joseph und Eva Beuys mit ihren Kindern Wenzel und Jessyka im Beuys-Raum der 4. documenta, 27. Juni 1968.
Legende: Kassel: Joseph und Eva Beuys mit ihren Kindern Wenzel und Jessyka im Beuys-Raum der 4. Documenta, 27. Juni 1968. Archiv Robert Lebeck

Ohne Gewalt keine Geschichte

Ende 1968 standen die Zeichen in Nordirland auf Eskalation, so dass die Stern-Redaktion Lebeck nach Belfast schickte. Er sollte das, was sich da anzukündigen schien, fotografisch dokumentieren. Doch die Explosion der Gewalt sollte zunächst noch ausbleiben. Somit blieben Lebecks früheste Farbserien ungedruckt. Auch hier; ohne Gewalt keine Geschichte.

Belfast: Demonstration protestantischer Kinder gegen die britische Armee, Ende 1968.
Legende: Belfast: Demonstration protestantischer Kinder gegen die britische Armee, Ende 1968. Archiv Robert Lebeck

Ausstellung: «Robert Lebeck - 1968»

Ausstellung: «Robert Lebeck - 1968»
Legende:Keystone/DPA

30'000 Aufnamen umfasst Robert Lebecks Schaffen, 110 davon werden in der Ausstellung «Robert Lebeck - 1968» , Link öffnet in einem neuen Fenstervom 4.3. – 22.7.2018 in Wolfsburg gezeigt. Selbst dieser kleine Auszug seines Werks ist eine eindrucksvolle Reise in die Vergangenheit.