Frauen im Vatikan: unsichtbar, aber zahlreich

Selten hat heutzutage eine Gruppe von alten Männern so viel Macht. In der Sixtinischen Kapelle wählen 115 Kardinäle im Konklave den neuen Papst. Was viele nicht wissen: Im männerdominierten Vatikan arbeiten immer mehr Frauen.

Papst Johannes Paul II. umringt von Nonnen.

Bildlegende: 2004 berief Papst Johannes Paul II. eine Nonne in die Leitung von einer Million Mönche und Nonnen. Keystone

Immerhin 700 Mitarbeiterinnen zählt der Vatikan heute. Das sind rund 20 Prozent der Angestellten. Alles Haushaltshilfen für Priester und Kardinäle sowie Büromitarbeiterinnen? Mitnichten. «Viele Frauen im Vatikan sind Akademikerinnen und in verantwortungsvollen Posten», sagt Gudrun Sailer, die selber bei Radio Vaticana arbeitet, dem päpstlichen Radiosender. Die Frauen im Vatikan mögen unsichtbar sein. Doch sie leiten die vatikanische Filmothek, überwachen die Restaurierung des Petersdomes oder bestimmen die Geschicke im päpstlichen Geheimarchiv mit.

Gläserne Decke ist im Vatikan aus Panzerglas

Bis in die Kurie, die Verwaltung der Weltkirche, haben es Frauen geschafft: So hat Papst Johannes Paul II. 2004 eine Nonne in die Leitung der Ordenskongregation berufen. Ein wichtiges Ministerium, das eine Million Mönche und Nonnen unter sich hat. Gudrun Sailer, die zum Thema Frauen im Vatikan ein Buch geschrieben hat, spricht von einem mutigen Schritt:

« Das Kirchenrecht erlaubt es eigentlich nur Priestern, Entscheidungen zu treffen, die für andere Geistliche juristisch verbindlich sind. Wenn es um kirchenpolitische Ämter geht, stossen Frauen darum im Vatikan auf eine Decke aus Panzerglas. »

Die Nonne als «unterschätzte Grossmacht»

Dass sich der damalige Papst dem kanonischen Recht widersetzte und eine Frau in die Leitung der Ordenskongregation setzte, erklärt Gudrun Sailer damit, dass dieses Ministerium mehrheitlich Frauen unter sich hat. Vier von fünf Ordensleuten sind weiblich.

Die Nonne ist in der katholischen Kirche eine «unterschätzte Grossmacht», betont Sailer. Trotz steigender Zahl von Mitarbeiterinnen im Vatikan:  Auf einen vergleichbar wichtigen Posten in der Kurie hat es seit 2004 keine Frau mehr geschafft.

Mehr Bodenhaftung dank Laien

Vom neuen Papst wünscht sich die gläubige Journalistin, dass er weitere Frauen in den Vatikan holt – und überhaupt mehr Laien. «Frauen und Laien sind im Vatikan auch darum wichtig, weil sie die Priester ständig daran erinnern, für wen die katholische Kirche da ist.» Mehr Kontakt zur Basis scheint immer wichtiger zu werden. Vor allem in Zeiten, in denen viele Gläubige wegen der Pädophilie-Skandale und der wüsten Machtkämpfe in der Kurie das Vertrauen in Rom verloren haben.

Priesterinnen? Nein, Kardinälinnen!

Nur etwas fordert Gudrun Sailer nicht: Das Frauenpriestertum. Frauen könnten es in der katholischen Kirche auch ohne Priesterweihe weit bringen. Vorstellen kann sich die Journalistin aber Frauen als Kardinäle.


700 Frauen im Vatikan – aber keine darf mitwählen

4:26 min, aus Blickpunkt Religion vom 13.03.2013

Im Gegensatz zum Priesteramt habe das Kardinalsamt nicht Jesus Christus geschaffen. Dass Kardinäle Männer sind, schreibe lediglich das Kirchenrecht vor, das veränderbar ist. Frauen im Konklave? Theoretisch möglich. Praktisch bis auf weiteres ein frommer Wunsch.

Buchhinweis

Gudrun Sailer: «Frauen im Vatikan. Porträts, Begegnungen, Bilder.» St. Benno, 3. Auflage, 2008.