Frauen spielen Fussball, Männer lachen

Amazonen auf dem Spielfeld, so sprachen Kommentatoren früher über Fussballerinnen. Heute werden Frauen-Spiele prominent im Fernsehen übertragen – weil die Frauennati erstmals an der WM teilnimmt auch in der Schweiz. Trotzdem hat der Frauenfussball einen anderen Stellenwert. Warum eigentlich?

Zwei Fussballerinnen im Zweikampf.

Bildlegende: Die Schweizerin Vanessa Bernauer (r.) kämpft um den Ball mit der deutschen Lena Gössling (l.) im WM-Testspiel in Baden. Keystone

1956, als die deutsche Fussball-Frauennationalmannschaft bei einem Länderspiel auf die Niederlande trifft, ist das dem Zweiten Deutschen Fernsehen immerhin einen kurzen Beitrag wert. Allerdings mit süffisantem Kommentar, etwa so: «Hier in München trafen sich die Amazonen aus Deutschland und Holland. Die zahlreich erschienene Männerwelt lachte skeptisch oder schaute kariert aus der Wäsche.»

Die Männer lachen noch lange

Nach dem ersten Treffer jubelt dann aber auch die Männerwelt, wenn auch mit chauvinistischem Einschlag: «Geradezu aus der Luft gehäkelt, dieser Ball. Die Umstellung von Haushaltführung auf Ballführung scheint tatsächlich gelungen zu sein.»

Männer haben noch lange Mühe, die Frauen auf dem Feld ernst zu nehmen. Auch 20 Jahre später vergleicht Moderator Wim Thoelke ein Spiel der deutschen Frauen-Nationalmannschaft noch mit Haushaltsarbeiten wie Wäschewaschen oder einen Tisch decken.

30 Millionen vs. 230 Millionen

Es vergehen weitere 20 Jahre, bis 1991 die ersten Frauen-WM stattfindet. Zwölf Nationen treffen in China aufeinander. Jetzt 2015, nochmals gut 20 Jahre später, sind es an der Weltmeisterschaft in Kanada doppelt so viele: 24 Teams, auch die Schweiz.

Die Kommentare unterscheiden sich heute um Welten, keine Rede mehr von Wäschewaschen. Das Fernsehen und die Sponsoren nehmen die Frauen ernst. Die Popularität des Frauenfussballs ist mit dem der Männern aber noch lange nicht gleichauf, wie die Statistik zeigt: Für Lizenzen werden weltweit über 230 Millionen im Männerfussball ausgegeben, bei den Frauen gerade mal 30 Millionen.

Das Problem ist nicht die Gesellschaft

Auch Christine Steffen, eine der wenigen Schweizer Fussballredaktorinnen, musste sich erst einmal behaupten: «Ich mache das jetzt seit 13 Jahren und habe mich daran gewöhnt. Auch meine Gesprächspartner wissen unterdessen, dass ich auch als Frau in dieser Männerwelt ernst zu nehmen bin.»

Die Gründe für die kleinere Popularität des Frauenfussballs ortet Christine Steffen nicht in der Gesellschaft, wie man meinen könnte: «Ich glaube, das liegt einfach an der Grösse des Männerfussballs. Der ist ein Riesengeschäft, wir sehen fast jeden Tag ein Spiel im Fernsehen. Da bleibt nur noch sehr wenig Platz für anderes.»

Frauenfussball ist eine andere Sportart

Die Redaktorin der NZZ am Sonntag sieht als weiteres Problem, dass der Frauenfussball nach wie vor mit dem Männerfussball verglichen wird. «In diesem Vergleich können die Frauen niemals bestehen. Das Ziel aller Akteurinnen ist, dass der Frauenfussball endlich als eigene Sportart wahrgenommen wird.»

Auch eine gezieltere Vermarktung würde nicht helfen, denkt Christine Steffen: «Wichtiger ist, dass Verbände und Clubs genug Geld haben, um spezielle Trainer auszubilden und eine Infrastruktur mit Garderoben für Mädchen zur Verfügung zu stellen. Erst auf dieser professionellen Basis kann erfolgreich gespielt werden.»

Höchstens ein kurzer Aufschwung

Jetzt steht die Frauen-WM in Kanada vor der Tür. Eine Chance für die Schweiz, die zum ersten Mal mitspielt? Man denke an den Weltmeister Deutschland, wo der Fussball weit populärer ist. Für Christine Steffen ist es umgekehrt: «Die Deutschen wurden Weltmeisterinnen, weil der Fussball dort schon populär, und das Geld entsprechend vorhanden war.»

Einen kurzen Aufschwung kann sich die Sportredaktorin aber vorstellen, «vor allem wenn die Schweizerinnen attraktiven Fussball spielen und weiterkommen im Turnier». Aber, so Christine Steffen: «Die WM vor vier Jahren in Deutschland hat gezeigt: Der Effekt ist sogar in Deutschland bald wieder verflogen und hat die Fussballszene nicht nachhaltig geprägt.»

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