Fragen zu Leben und Tod Frei von Emotionen: Ein Ethiker im Spital

Soll man einen todkranken Patienten noch operieren? Bei solchen und ähnlichen Fragen hilft Ethikberater Rouven Porz.

Ein Porträt von Rouven Porz.

Bildlegende: «Manchmal bin ich neidisch auf die Leute mit Kittel»: Der Ethiker im Inselspital Bern, Rouven Porz. Insel Gruppe / Susi Bürki

  • Die moderne Medizin macht heute fast alles möglich. Das stellt Ärzte und Pflegende vor immer schwierigere Entscheidungen.
  • Die Hälfte aller Spitäler in der Schweiz haben heutzutage ein Gremium oder gar eine spezielle Fachperson für Ethik.
  • Rouven Porz, Ethiker im Berner Inselspital, findet Fragenstellen wichtig. Doch sollten nicht zu viele Probleme auf die Ethik abgewälzt werden.

Existentielle Fragen

Rouven Porz ist der Mann für heikle Fragen. Seine Beratung im Inselspital Bern wird in verschiedenen Abteilungen geschätzt: in der Geriatrie, Geburtsabteilung, Transplantations-Medizin.

«Es geht um existentielle Situationen, wo Entscheidungen um Leben und Tod im Vordergrund stehen», erklärt er. Zum Beispiel: Soll man dem todkranken Krebspatienten noch eine Chemotherapie mehr zumuten? Wieviel tut man für die Überlebenschancen beim Baby, das man in der 22. Schwangerschaftswoche auf die Welt holt?

Was ist das Beste?

Wenn Ärzte und Pflegende in solchen Fällen das Beste wollen, aber nicht genau wissen, was das Beste ist – dann hilft Porz zu sortieren, Pro und Contra abzuwägen. Nüchtern, rational und frei von Emotionen. Entscheiden müssen dann die medizinisch Verantwortlichen.

«Es kann nicht sein, dass die Ethik die letzte Instanz oder Legitimation wäre, das ist nicht mein Anspruch», so Rouven Porz. Er sei ja nicht der neue Papst, oder der neue Schiedsrichter – sondern Ethikberater.

Ein Bild von ein paar Chirurgen bei der Arbeit im Operationssaal.

Bildlegende: Bei heiklen Fragen zu Leben und Tod bekommen Mediziner Unterstützung von Ethikberatern. Keystone

«Wenn jemand sagt, ‹der Patient würde doch jetzt besser sterben›, dann frage ich: Wieso besser sterben? Ist das die Meinung des Patienten oder ist es medizinisch belegt?»

Ohne Kittel

Obwohl Rouven Porz bei den grossen Fragen beigezogen wird, ist sein Büro im ehemaligen Personalhaus klein, bescheiden. Viel Fachliteratur steht in den Regalen, der Bürotisch ist mit Akten belegt. Ein weisser Kittel? Hängt nirgends. Rouven Porz trägt Jeans, Hemd und Krawatte.

«Manchmal bin ich neidisch auf die Leute mit Kittel, aber ich halte es für wichtig, mich vom medizinischen Kernpersonal abzugrenzen, damit sie auch klar sehen, da kommt der Ethiker.»

Symbol für schwierige Fragen

Rouven Porz hat von Haus aus nichts mit Medizin zu tun. Er studierte Philosophie und Molekularbiologie. Seit acht Jahren arbeitet er nun als Ethiker am Inselspital. Ist er so was wie das bezahlte Gewissen? Porz verneint.

«Es ist modern, Ethik zu haben, aber wir müssen auch aufpassen, dass wir nicht alle Probleme des Gesundheitswesens auf die Ethik abwälzen», meint Porz. Er könne Symbol sein für schwierige Fragen. Aber die Ethik trage nicht die Verantwortung für alle Ambivalenzen – zum Beispiel, was Möglichkeiten und Kosten im Gesundheitswesen angehe.

«Bei solchen Fragen werde ich wenig zu Rate gezogen, dann müsste man die Frage eher auf eine höhere, gesellschaftliche Ebene stellen und sagen: Wollen wir diese Art von Therapien in der Schweiz finanzieren?» Aber solche Dinge könnten nicht bei der einzelnen Frau Müller, die mit einer Krankheit im Bett liegt, beantwortet werden. Rouven Porz ist Ethiker – und eben nicht Ökonom.

Sendung: Radio SRF, Heute Morgen, 10.2.2017, 6 Uhr

Ethikfragen im Spital

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