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Fussball und Kommerz Wie der Fussball seine Seele verlor

Stefan Gmünder und Klaus Zeyringer polemisieren in einem gepfefferten Buch gegen die Kommerzialisierung des Fussballs. Und rufen zum Fernseh-Boykott der WM auf.

Fussball in Einkaufswagen
Legende: Kommerz im Fussball: Das Verhängnis begann mit der massiven Fernseh-Vermarktung des Sports in den 1970er-Jahren. Getty Images/Luis Diaz Devesa

Er war der deutsche Super-Fussballer der 1950er- und 60er-Jahre: Uwe Seeler. Das Einkommen des kleinen, aber unerhört wendigen Sturmtanks aus Hamburg-Eppendorf war nach heutigen Massstäben geradezu lachhaft.

«Uns Uwe», wie der gelernte Speditionskaufmann von seinen Fans genannt wurde, verdiente gerade einmal das Dreifache eines durchschnittlichen deutschen Arbeiters. Heute streicht bereits ein Mittelklasse-Kicker in der deutschen Bundesliga das zehnfache Gehalt des Bundespräsidenten ein.

Der Schweizer Torwart Karl Charly Elsener, links, haelt einen Schuss des deutschen Stürmers Uwe Seeler.
Legende: Verdienten im Vergleich zu heute lachhafte Gehälter: Der Schweizer Torwart Karl Charly Elsener, links, hält an der WM 1966 einen Schuss des deutschen Stürmers Uwe Seeler. Keystone

«Trojanisches Pferd des Neoliberalismus»

Da stimmt irgendetwas nicht, meinen die Kulturpublizisten Klaus Zeyringer und Stefan Gmünder in ihrer süffig geschriebenen Kampfschrift «Das wunde Leder». Rechtzeitig zu Beginn der WM in Russland rechnen die beiden mit der totalen Kommerzialisierung des Fussballs ab.

«Die angeblich schönste Nebensache der Welt ist zum trojanischen Pferd des Neoliberalismus geworden», befindet Zeyringer. Und weiter: «Die Milliarden, die von korrupten Oligarchen und sportbegeisterten Ölscheichs in diesen Sport gepumpt werden, machen ihn kaputt.»

Konzerne am Pranger

Geld verdirbt eben die Sitten. Besonders hart gehen die Autoren mit dem Weltfussballverband ins Gericht. Die in Zürich angesiedelte FIFA ist in den Augen von Gmünder/Zeyringer nichts anderes als ein elitärer Korruptionistenzirkel.

«Das korrupte System hat der langjährige Präsident Joao Havelange im Weltfussballverband eingeführt», erklärt Zeyringer. Und die Industrie machte kräftig mit dabei.

Denn: Hinter Havelange stand «Adidas». Der Sportartikelkonzern aus Herzogenaurach flute den Spitzensport schon seit den 1960er-Jahren immer intensiver mit Korruption, kritisieren die Autoren von «Das wunde Leder». Wobei Weltmarktführer «Nike» der deutschen Konkurrenz mittlerweile ins nichts nachsteht.

«Spieler werden heute wie Rennpferde gehandelt»

Seit wann wuchert das Krebsgeschwür von Korruption und skrupelloser Geschäftemacherei im Fussball? Die Autoren nennen Ross und Reiter: Das Verhängnis begann mit der massiven Fernseh-Vermarktung des Sports in den 1970er-Jahren.

Buchhinweis

Stefan Gmünder und Klaus Zeyringer: «Das wunde Leder – Wie Kommerz und Korruption den Fussball kaputt machen». Suhrkamp, 2018.

Das Fernsehen brachte Milliarden in den Fussball, und die Milliarden brachten unliebsame Begleiterscheinungen: «Spieler werden heute wie Rennpferde gehandelt», stellen Gmünder/Zeyringer fest, «ihre Leistungskurven dokumentiert man wie Aktienkurse. Im Gegenzug verdienen sie und ihre oft dubiosen Agenten Unsummen, für die Stars wie Messi, Neymar und Cristiano Ronaldo keine entsprechenden Steuern abführen wollen.»

Gepfefferte Polemik

Und dennoch, es gibt ihn noch immer – trotz alledem – den Zauber des Spiels. Auch Klaus Zeyringer und Stefan Gmünder sind ihm nach wie vor verfallen, sonst hätten sie dieses Buch nicht geschrieben.

In ihrer inhaltlich gepfefferten und stilistisch brillanten Polemik beschwören die beiden immer wieder auch die Magic Moments des schönsten Rasensports der Welt herauf.

«Fussball kann man nicht erklären», schreiben sie: «Man muss ihn spüren: Etwa in jenen wundersamen Augenblicken, wenn in einem Wimpernschlag die Dramaturgie eines Spiels kippt.

Brasilien-Fan mit Händen vor den Augen.
Legende: Wundersamer Augenblick des Fussballs: Brasilien verlor das Halbfinalspiel gegen Deutschland an der Fussball-WM 2014 mit 1:7. Keystone

Was ist mit den Brasilianern beim 1:7 in Belo Horizonte geschehen, warum spielt der Abstiegskandidat in der zweiten Halbzeit plötzlich den Meister an die Wand, was ist in Zidane gefahren, der Materazzi niederstreckt, was mit dem Dorftorwart, der weinend am Spielfeldrand sitzt?»

Boykott der WM?

Das sind sie, die wirklich wichtigen Fragen, wie jeder Fan bestätigen kann. Es wird Klaus Zeyringer nicht leichtfallen, den Fernsehboykott der Fussball-WM im Putinschen Russland durchzuhalten, zu dem er am Ende des Buchs in einem Pamphlet aufruft – gemeinsam mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow.

Als Österreicher hat Zeyringer dabei allerdings relativ wenig Probleme: Österreichs Equipe vermochte sich – wieder einmal – nicht für die WM zu qualifizieren.

Dem Schweizer Stefan Gmünder, seit einem Vierteljahrhundert in Wien lebend, geht der Boykottaufruf zu weit: «Es ist vielleicht eine Form von mildem Wahnsinn, aber mir wird – vielleicht auch durch die räumliche Distanz – die Schweizer Nationalmannschaft immer wichtiger. Ich würde den Boykott nicht durchhalten und gebe offen zu: Zumindest die Spiele der ‹Nati› – die muss ich mir anschauen.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 13.6.2018, 17.20 Uhr

2 Kommentare

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  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring (Denia)
    Vollkommen einverstanden mit den Autoren. Aber leider verhallen diese Stimmen ungehört, denn auch viele andere Spitzensportarten leiden unter dem Problem: Immer schneller, immer höher, immer besser. Was auch bei den Velorennfahrern alles verlangt wird, ist einfach ohne Doping auf die Dauer nicht zu bewerkstelligen. Man glaubt lieber dem Mammon Geld und dem Ruhm als seiner inneren Stimme. Domine, quo vadis? Ich nehme den Sport schon lange nicht mehr ernst, die Grenzen sind überschritten.
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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Wie viel bekommen die Spieler der Schweizer Nati, wenn sie die Endrunde erreichen? Und wie viel für jedes weitere gewonnene Spiel? Das letzte Mal waren es, so meine Erinnerung, rund 50'000 Franken. Bezahlt von Fifa an den CH-Fussballverband und von diesem an die Spieler. Diese betonen immer die Ehre, dass sie für die Schweiz spielen «dürfen». 300'000 Euro gab es pro Kopf für Deutschland, 23 x plus Trainer, Staff, etc. Kommerz pur bis zum Physiotherapeuten.
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