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Gärten des Grauens
Aus Kultur-Aktualität vom 30.03.2021.
abspielen. Laufzeit 03:26 Minuten.
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Gärten des Grauens Diese Gärten sind der letzte Dreck

Schottergärten sind seit Jahren gross in Mode. Der deutsche Biologe Ulf Soltau hat ihnen den Kampf angesagt – mit Humor.

«Ich nenne sie Psychopathengärten, ich nenne sie Suizidalgärten, ich nenne sie ….» Ulf Soltau überlegt kurz, ob er nach einem weiteren Begriff dafür suchen soll, was ihn seit Jahren ärgert, lässt es dann aber bleiben.

Während der Biologe durch einen Berliner Park spaziert, erzählt er von seinem Kampf gegen Gartenflächen, die mit Schotter zugeschüttet sind.

Internet-Nutzer schicken Soltau für seine beliebte Facebook-Seite «Gärten des Grauens» und für seine Bücher regelmässig Fotos solch privater Steinwüsten.

Die Aufnahmen kommen oft aus deutschen Bergbau-Regionen, wo es viele Zement- und Kieswerke gibt. Die brächten ihren «Müll» dann als Material für «mediterrane Gärten» teuer unter die Leute.

Auch die Schweiz ist betroffen

«Die Schweiz scheint mir auch betroffen zu sein. Vielleicht sind es da die abschmelzenden Gletscher, die eine gewisse Ästhetik vorgeben.» Soltau lacht laut auf, als er das sagt. Nur mit Galgenhumor und Polemik erträgt er den Anblick lebensfeindlicher Gärten.

Während in Grossstädten viele Menschen offensichtlich genug von Asphalt und Stein haben und etwa Wildblumen anpflanzen, sind in ländlichen Gegenden Schottergärten beliebt.

Für Soltau sind letztere nicht nur ein ästhetischer Fauxpas, sondern auch ein Beleg dafür, dass sich Menschen von der Natur entfremden.

Gärten ohne Leben

«Da will man ins Grüne ziehen und vernichtet das Grüne drumherum», sagt er. «Eigentlich ist das wirklich mal eine soziologische Studie wert.» Aber er sei ja kein Soziologe, sondern Biologe, so Soltau.

Und der sorgt sich um das ökologische Gleichgewicht. Auch durch fehlende Freiflächen für wilde Pflanzen sei die Gesamtmenge der fliegenden Insekten in den letzten 25 Jahren um zwei Drittel zurückgegangen. Und damit auch die Nahrungsgrundlage für Vögel, Igel und Fledermaus.

Der gestrandete Golf

Ein anderes Problem: Schotter kann sich im Sommer bis auf 80 Grad erhitzen, während ein natürlicher Garten abkühlend wirkt. Die ihm zugeschickten Fotos kommentiert Soltau im Netz und auch in seinem neuen Buch «Noch mehr Gärten des Grauens» erfrischend satirisch.

Zum Bild eines Schottergartens, auf dem ein ausrangierter Golf wie eine Skulptur steht, schreibt er: «Selbst rostige Autowracks nehmen der planierten Schotterfläche nichts von ihrer puristischen Würde. Denn ein Garten, der schon als Totalschaden angelegt wurde, bleibt von Schrottautos erfreulich unbeeindruckt.»

Legende: Der besagte Golf in all seiner Pracht. Lisa M.

Ökoschotter als Alternative

Im Berliner Park spazieren wir an Jugendlichen vorbei, die Skateboard fahren und jonglieren. Dieser Bereich ist von so genanntem Ökoschotter gesäumt.

Der sei eine respektable Alternative für Privatleute, die den Schotter aus ihrem Garten nicht teuer entsorgen lassen wollen, sagt Soltau und rät: «Weg mit dem Kunststoffvlies, hier und da Erde zum Schotter dazugeben, und schon kann wieder Leben entstehen.»

Zum Beispiel Disteln. Der Biologe deutet auf die Ökoschotterfläche: «Da vorne Nachtkerzen und kanadisches Berufkraut. Hier ist richtig was los! Das zieht natürlich auch Insekten an.»

Unbeirrt trotz Drohmails

Einigen Menschen ist das egal. Schottergarten-Fans beschimpfen Soltau. Er hat sogar Drohmails erhalten: Man wisse, wo er wohne. Der Bestsellerautor lässt sich nicht einschüchtern. Aber er versucht nachzuvollziehen, was die Gemüter bei diesem Thema derart erhitzt.

«Wenn man 10'000 Euro in seinen Schottergarten gesteckt hat und dann so ein Heiopei wie Ulf Soltau aus Berlin kommt und mit Satire und Humor die Früchte der eigenen Arbeit zerredet, dann wird man natürlich sauer», sagt Soltau und fügt lachend hinzu: «Aber letztendlich kämpfe ich für das Gute.»

Und das sehr erfolgreich. Soltau hat schon erreicht, dass etliche Kommunen Schottergärten verboten haben.

Radio SRF 2, Kultur-Aktualität, 30.03.2021, 17:20 Uhr

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Alexander Stebler  (Nagev)
    Verbieten würde ich solche schrecklichen Gärten nicht. Aber ich schlage vor, ein Bonus-Malus-System einzuführen, welches die Besitzer solcher Gärten zur Kasse bittet, so dass mit dem Ertrag daraus jene unterstützt werden können, die lebendige und naturnahe Gärten anlegen. Verrechnet würde das einfach über die Steuern. Eine Art Ratingsystem für Gärten also. Nach klarem Kriterienkatalog. Das würde das Umdenken sicher fördern!
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  • Kommentar von Koni Flütsch  (KOMANKO)
    Nichts Schönes für meine Augen, jedoch sind auch zu oft geschnittene Rasenflächen kontraproduktiv. Am schönsten sind Wiesen ums Haus, auf welchen gerade Unmengen an Blümchen und Pflanzen gedeihen und sich vom Floh bis zur Blindschleiche so ziemlich alles finden lässt. Die Vögel lieben solche Gärten, denn die Biodiversität ist intakt und sie finden einiges an Nahrung. Das Wichtigste ist, nicht zu oft und zu tief zu mähen. Und genau diesen Fehler begehen immer noch zu viele Schweizer mit Rasen.
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  • Kommentar von Corinne Keller  (Corinne Keller)
    Wer solche Steinwüsten anlegt, hat definitiv jedes Recht verwirkt, sich Gärtner nennen zu dürfen.
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