Zum Inhalt springen
Inhalt

Gesellschaft & Religion Galilei und der Disput zwischen Kirche und Wissenschaft

Die Auseinandersetzung zwischen Galileo Galilei (1565-1642) und der Kirche ist der Scheidepunkt, an dem sich Glaube und Wissen vor bald 500 Jahren getrennt haben. Doch das Bild des Märtyrers Galilei, der gegen die Kirchenfürsten für die Freiheit der Wissenschaft kämpft, bekommt Risse.

Legende: Video Die Akte Galilei – Wissenschaft und Glaube abspielen. Laufzeit 32:08 Minuten.
Aus Sternstunde Religion vom 23.03.2014.

Dieses Jahr wäre Galileo Galilei 450 Jahre alt geworden. Wenn er noch lebte, würde er sich wundern über die Themen, mit denen Forscher von heute unterwegs sind. Er würde staunen über ihm völlig unbekannte Wissenschaftsfelder wie Genetik oder Hirnforschung. Und darüber, wie brisant der Disput zwischen Glauben und Wissen noch immer ist.

Legende: Video Ausschnitt aus «Die Akte Galilei» abspielen. Laufzeit 01:21 Minuten.
Aus Kultur vom 23.03.2014.

Galilei, der Experimentierer

Der Florentiner Wissenschaftler Galilei lebte im Italien der späten Renaissance. Nicht die «Disputation» ist seine Leidenschaft, sondern das physikalische Experiment: Er probiert aus, rechnet, beobachtet. Er zeichnet Pläne für Festungen und Horoskope – schliesslich baut er das erste Fernrohr, ein Teleskop mit 20facher Vergrösserung.

Was er damit am Himmel beobachtet und errechnet, wird die Welt nachhaltig verändern: Der Mond hat keine makellose Oberfläche, es gibt viel mehr Sterne als bisher gedacht, und es gibt Planeten, die sich nicht um die Erde drehen. Es ist der Beginn der modernen Astronomie.

Und sie bewegt sich doch

Doch das war erst der Anfang. Ermuntert von seinem Freund Papst Urban VIII macht sich Galilei daran, den Nachweis für jene These zu erbringen, die bereits Kopernikus verfolgte. Eine These, die die Vorstellung der Welt in ein Vorher und ein Nachher einteilt: Nicht die Sonne dreht sich um die Erde, sondern umgekehrt. Es ist das Ende des sogenannten «geozentrischen» Weltbildes, das die Erde als Mittelpunkt des Universums versteht. Noch ahnt niemand, dass auch das Sonnensystem nur ein kleiner Teil des gesamten Universums darstellt.

Die Kirche ist, entgegen landläufiger Meinung, zu jener Zeit durchaus an den neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaft interessiert. Doch nur, solange diese nicht das grundlegende christliche Weltbild in Frage stellen. Eine einzelne Hypothese soll sich nur auf ein bestimmtes Wissensgebiet beziehen und nicht auf die ganze Wirklichkeit, auf die ewigen Wahrheiten der Kirchenlehre.

Legende: Video Galilei, gespielt von Paul Matic, begibt sich auf dünnes Eis abspielen. Laufzeit 01:14 Minuten.
Aus Kultur vom 23.03.2014.

Der tiefgläubige Galilei, Freund des Papstes, tut sich schwer damit, dass seine Beobachtungen der Bibel widersprechen. Er will die Kirchenfürsten dazu bewegen, ihre Auslegung anzupassen. Damit überschreitet er die Grenze: die Auslegung der Bibel ist der Institution Kirche vorbehalten.

Am 22. Juni 1633 wird Galilei vor das Tribunal der Inquisition zitiert. Er muss seinen «Irrtümern und Ketzereien» abschwören und wird unter Hausarrest gestellt.

Was darf die Wissenschaft?

Die Hoheit der Kirche über das Wissen ist heute längst Vergangenheit, nicht zuletzt dank Galilei. Er und seine Mitstreiter haben dazu beigetragen, dass sich Wissen und Religion getrennt haben. Doch Galilei, der seinerzeit für das freie wissenschaftliche Denken gekämpft hat, konnte nicht voraussehen, was die Freiheit der Wissenschaft auslösen würde.

Heute, im Zeitalter von Reproduktionsmedizin, Hirnforschung und umfassender Digitalisierung des Alltags, drängt die Frage nach der Verantwortung von Wissenschaft und den Grenzen des Machbaren ins Zentrum. Wissenschaftler arbeiten heute zwar frei von kirchlichen Dogmen, aber die gesellschaftliche Verantwortung für ihre Forschungen haben sie mitzutragen.

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Hans Klein, Bern
    "Noch ahnt niemand, dass auch das Sonnensystem nur ein kleiner Teil des gesamten Universums darstellt." – Also, wenn ich mich recht erinnere, war eine der ketzerischen Überlegungen Giordano Brunos, für die er in Rom um 1600 noch verbrannt wurde, dass die Sterne ferne Sonnen oder Planeten seien, auf denen Wesen wie wir leben könnten. – 900 Jahre zuvor diskutierte man in der buddhistischen Universitätsstadt (!) Nalanda darüber, ob solche Wesen am Kreislauf der Wiedergeburten teilnähmen …
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Bärni P., Fribourg
    Und sie dreht sich doch nicht um die Sonne! Es kommt alles auf den Punkt der Betrachtung an. Das sieht man in der Physik oft (z.B. Ansatz von Newton gegen Ansatz von D'Alembert - beide sind richtig aber anders). Wenn ich annehme, dass Gott alles um den Menschen geschaffen hat, so kann ich auch getrost sagen, dass sich die Sonne sich um mich dreht. Übrigens weiss niemand genau was sich um was dreht (Der Mittelpunkt (wenn es ihn denn gibt) des Universums ist nicht bekannt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Peter Meier, Zürich
      Halbwissen und sonstiges schräges Geplapper. D'Alembert ist keine Alternative zu Newton und auch nicht anders. Dass d'Alembert aus Newton folgt und nur eine weitere Hilfestellung in der Mechanik ist findet man sogar in der Wikipedia. Wie auch immer, jede Beschreibung in der Mechanik ist am Ende abhängig von der Wahl des Koordinatensystems. Dass Gott (angenommen er existiert) alles um den Menschen geschaffen hat, ist hingegen durch archäologische Funde widerlegt:
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Wenigstens wird endlich eingeräumt, dass die Kirche sich damals nicht stur gegen jede neue naturwissenschaftliche Erkenntnis gestellt hat. Im Prinzip wussten auch der Papst und seine Entourage, dass Kopernikus und Galilei Recht hatten, und zudem war es aufgrund des Abbilds der Erde auf dem Mond schon im Altertum bekannt, dass die Erde eine Kugel und keine Scheibe ist. Auch in der Bibel ist im Buch Hiob mit indirekten Worten davon die Rede, dass die runde Erde frei im Weltall hängt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von S.Koch, Sargans
      Dass die Erde rund hat die Kirche nicht bekämpft, sondern, wie Sie richtig bemerkt haben, ist es schon seit antiker Zeit her bewiesen. Siehe auch Dom von Ravenna. Bei Galilei ging es "nur" um das Verständnis heliozentrisches Weltbild versus geozentrisches Weltbild.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen