Gegen Willkür und Missbrauch in Chinas Psychiatrie

In China können sich unliebsame Zeitgenossen von einem Tag auf den anderen in der Psychiatrie wiederfinden. Dort sind sie der Willkür von korrupten Beamten und überforderten Ärzten ausgeliefert. Ein neues Gesetz verspricht nun Hoffnung.

Eine Frau blickt zu Boden neben einer Wand, an der ein Spiel montiert ist, in dem sich mehrere Personen spiegeln.

Bildlegende: Eine Patientin in einer chinesischen Psychiatrie. Getty Images

Plötzlich war er in einer Anstalt. Li Shijie erinnert sich, wie er vor zehn Jahren mit seinem Vater ein Krankenhaus besuchte. Im Besprechungszimmer wird der damals 20-Jährige von fünf Männern in weissen Kitteln überwältigt. Der Vater reagiert nicht auf die Hilfeschreie seines Sohnes, sagt nur, dieser sei krank und brauche Hilfe.

«Ich werde diesen Tag nie vergessen», sagt Li Shijie heute. Eine ganze Welt sei für ihn zusammengebrochen. Dabei habe er die Zukunft des Internets mitgestalten wollen. Als Li Shijie seinem Vater von seinen Karriereplänen in der IT-Industrie erzählt, vermutet dieser Wahnvorstellungen und bringt den Sohn in eine Klinik.

Jegliches Gefühl von Sicherheit verloren

Porträt eines jungen Mannes in weissem Hemd und schwarzem Kittel.

Bildlegende: Wurde zweimal unfreiwillig in die Psychiatrie eingewiesen: Li Shijie. zvg

Li Shijie versucht sich zu wehren, will die verschriebenen Medikamente nicht einnehmen. Nach einer missglückten Flucht binden ihn die Krankenpfleger am Bett fest. Danach habe er Elektroschocks, noch mehr Medikamente und Infusionen erhalten, erinnert sich Li Shijie. «An diesem Punkt habe ich jegliches Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit verloren.»

Nach 22 Tagen holt ihn schliesslich eine Tante ab. Sie unterschreibt die Entlassungsbestätigung, Li Shijie darf gehen. Familienangehörige dürfen Patienten nicht nur einweisen, sie können sie auch wieder abholen.

Aus dem Gerichtssaal entführt

Noch viel schlimmer erging es Wu Chunxia. Sie verbrachte 132 Tage in einer psychiatrischen Anstalt. Die heute 39-Jährige wurde wegen eines Sorgerechtsstreits eingewiesen. Polizeibeamte stürmten in die Gerichtsverhandlung und zerrten Wu Chunxia aus dem Gebäude.

«Nicht einmal der Richter wusste Bescheid, was da genau vor sich ging», sagt Wu Chunxia. Ihr Problem: Der damalige Ehemann hatte gute Beziehungen zur örtlichen Polizeibehörde. In der Anstalt habe sie sich immer wieder gewehrt, sagt Wu Chunxia. «Sie konnten noch nicht mal eine Krankheit bei mir feststellen.»

Trotzdem musste Wu Chunxia Medikamente schlucken, erhielt Elektroschocks. Erst als sie mit Selbstmord drohte, informierte die Klinik die Polizei, die sie dann schliesslich abholte. Seither reichte Wu Chunxia mehrere Klagen ein und erhielt eine Entschädigung von umgerechnet 21‘000 Franken.

Mehr Rechte dank neuem Psychiatrie-Gesetz

Eine junge Frau steht in einem weissen Büro, im Hintergrund steht ein Bücherregal.

Bildlegende: Anwältin Huang Xuetao setzt sich für Patienten-Rechte ein. Martin Aldrovandi)

Seit einem halben Jahr ist in China ein nationales Psychiatrie-Gesetz in Kraft, das Patienten mehr Rechte geben soll. Willkürliche Einweisungen in Anstalten sind seither verboten. Solange von den Patienten keine Gefahr ausgeht, müssen sie selbst einwilligen.

Für das neue Gesetz stark gemacht hat sich Anwältin Huang Xuetao. Zusammen mit ihrem Team führt sie die Organisation Equity and Justice Initiative im südchinesischen Shenzhen. «Zuvor besassen die Anstalten eine fast uneingeschränkte Macht», sagt die Juristin, während die Patienten ihrerseits kaum Rechte hatten.

Gesetzgebung ungenügend

Die amerikanische Human Rights Watch beobachtet den Missbrauch in Chinas psychiatrischen Anstalten bereits seit Jahren. Die Menschenrechtsorganisation schätzt, dass zwischen 70 und 80 Prozent der Patienten in Chinas Psychiatrien unfreiwillig dort sind.

China-Analystin Maya Wang sagt, man begrüsse die neue Gesetzgebung. So hätten die Juristen jetzt zumindest Regelungen, mit denen sie arbeiten könnten. Das Gesetz sei jedoch ungenügend, so Maya Wang. «In der Praxis haben Polizei und lokale Behörden nach wie vor viel Macht über die psychiatrischen Anstalten.»

100 Millionen haben psychische Probleme

Die Missbräuche seien von den Medien hochgespielt worden, findet dagegen Dr. Yang Lei. Er ist Psychiater im renommierten Pekinger Universitätskrankenhaus Nummer 6, das auf Patienten mit psychischen Störungen spezialisiert ist.

Viel zu wenig Beachtung fänden dagegen die vielen Menschen, so Yang Lei, die ein Recht auf eine ordentliche Behandlung hätten. Nach Schätzungen sollen in China rund 100 Millionen Menschen mit psychischen Problemen leben, 16 Millionen gar mit schweren psychischen Störungen.

In China hat es zu wenig Psychiater

Eine Frau und ein Mann stehen in einem TV-Studio, hinter ihnen ist eine grosser rotgerahmter Bildschirm.

Bildlegende: Auch in Chinas Medien ein Thema: Huang und Li nach einer TV-Sendung zur Psychiatrie. zvg

Gerade mal 20‘000 Psychiater arbeiten in China. Viel zu wenig, sagt Dr. Yang Lei. Der Beruf des Psychiaters sei für angehende Ärzte wenig attraktiv. Dies führe dazu, dass vor allem Ärzte Psychiater würden, die in anderen Fachrichtungen keine Chance hätten.

Li Shijie wurde vor zwei Jahren erneut in die Psychiatrie eingeliefert. Zuvor hatte er sich in einem Restaurant über die Klimaanlage beschwert. Der Streit wurde laut, der Besitzer holte die Polizei, diese nahm Li Shijie mit und wies ihn schliesslich in eine Militärklinik ein.

Nach seiner Entlassung reicht er eine Klage gegen das Krankenhaus ein, das ihn gegen seinen Willen drei Monate lang festhielt. Während Li Shijie auf ein Urteil wartet, engagiert er sich in einem chinaweiten Netzwerk für andere Opfer der Psychiatrie und hofft, dass er in Zukunft doch noch bei einem IT-Unternehmen arbeiten kann.

Sendung zu diesem Artikel