Gehen Geräte geplant nach der Garantiezeit kaputt?

Der Verdacht, dass Geräte planmässig kaputtgehen, ist verbreitet. Aber bislang nicht nachgewiesen. Eine Studie zeigt: Geräte halten heute tatsächlich kürzer als vor 10 Jahren – daran sind auch wir selbst schuld. Ein Technik-Soziologe im Interview.

Zwei Waschmaschinen und ein Berg Elektroschrott

Bildlegende: Der Berg an Elektroschrott wächst und wächst: Ist die Industrie schuld oder unser Wunsch nach dem immer Neuesten? Keystone

Ist der eingebaute, frühzeitige Verfall von Geräten – die «geplante Obsoleszenz» – Realität oder Verschwörungstheorie?

Wolfgang Neef: Sie ist vor allem ein Systemfehler. Produkte, die lange leben, machen sich nicht gut in den Bilanzen der Firmen. Deswegen verkürzt man systematisch – und ich finde, das ist dann geplant – die Lebensdauer von Produkten.

In der Obsoleszenz-Studie heisst es, es sei nicht nachweisbar, dass Produkte extra so gebaut werden, dass sie nach kurzer Zeit kaputt gehen.

Die Frage ist, ob man so eine Detektivarbeit leisten kann, um rauszukriegen, an welchen Stellen welcher Hebel wofür umgelegt wird. Man müsste verdammt genau hingucken.

Die Lebensdauer sei dem Konsumverhalten der Menschen angepasst, heisst es ausserdem in der Studie: Wenn wir nach zwei Jahren sowieso ein neues Smartphone kaufen, warum sollte der Akku dann länger halten?

Mit diesem Argument versuchen uns Firmen immer wieder zu überzeugen – und wir schlucken das. Die Studie bezieht etwas Wesentliches nicht mit ein: Man unterstellt dem Konsumenten eine bestimmte Konsum-Mentalität, aber woher diese Mentalität kommt, wird nicht erforscht. Man ist als Konsument permanent unter dem Einfluss von Werbung. Ein Milliarden-Apparat redet uns ein, dass das Neue immer das Bessere ist, dass man hinten dran ist, wenn man sich nicht die neuesten Geräte kauft.

Um mit gutem Gewissen immer das Neueste kaufen zu können, scheinen wir beinahe froh darüber zu sein, wenn ein Gerät kaputt geht.

So seltsame Mentalitäten entstehen. Aber das ist keine grundsätzlich menschliche Mentalität, sie ist erzeugt. Früher haben die Menschen ganz anders getickt. Durch gesellschaftliche Massnahmen kann man sie wieder rückgängig machen.

Es gibt bereits einen Mentalitätswandel: Zum Beispiel öffnen Reparaturcafés, in denen Menschen unter Anleitung ihre Geräte reparieren können. Trotzdem sind wir mehr Wegwerf- als Reparatur-Gesellschaft.

Weil das mit dem Reparieren nicht mehr funktioniert. Der Normalmensch hat dafür gar nicht die Ausrüstung. Dazu kommt, dass den Menschen bis zum Ende der Garantiezeit verboten wird, Dinge auseinanderzunehmen.

Die Mentalität, etwas reparieren zu wollen, muss daher kommen, dass der Hersteller Geräte so baut, dass man sie überhaupt reparieren kann. Es wäre möglich, Geräte so zu konstruieren, dass zukünftige Innovationen bereits mitgedacht sind: dass neue Module in alte Geräte eingebaut werden können.

Im Gegensatz dazu ist es technisch genauso möglich, Geräte so zu bauen, dass sie genau nach Ablauf der Garantie kaputtgehen?

Natürlich, ingenieurmässig ist das gar kein Problem. Man kann nicht hundertprozentig timen, ob das in zwei oder drei Jahren der Fall ist. Aber über den Daumen gepeilt können einzelne Teile so konzipiert werden, dass sie sagen können: Okay, das hält jetzt drei Jahre. Das ist ja auch in vielen Bereichen gar nicht so unsinnig. Wenn man weiss, ein Gerät soll so und so lange halten, muss man keinen unnötigen Aufwand betreiben – materiell oder energetisch –, um einzelne Teile langlebiger zu machen. Das stimmt man aufeinander ab.

Um das Problem der Kurzlebigkeit an der Wurzel zu packen, müssen Unternehmen die Frage nach der Haltbarkeit immer als Priorität vor Augen haben. Diese ist – hier spreche ich als Ingenieur – mit weniger Aufwand zu erreichen, als von der Wirtschaft behauptet wird.

Obsoleszenz-Studie

Die Studie des deutschen Bundesumweltamtes erforscht zum ersten Mal systematisch die Haltbarkeit von Geräten. Sie führt zu dem Ergebnis: Konzerne planen die Lebensdauer nicht nachweislich nach der Garantielaufzeit. Diese sei unter anderem auf unser Nutzungsverhalten zurückzuführen. Studie

Wolfgang Neef

Wolfgang Neef ist Soziologe und Ingenieur. An der technischen Univerität Berlin lehrt er zum Thema «Soziologie des Ingenieurberufs».