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Gesellschaft & Religion Gemalte Vorhänge, falsche Idylle: Bunker in der Schweiz

Die Schweizer sind Weltmeister – im Bunkerbauen. Die Schutzbunker bieten für mehr Menschen Platz als das Land Einwohner hat: rund 8,6 Millionen. Viele der ehemaligen Verteidigungsbunker finden sich bizarr getarnt in den Alpen oder mitten im Dorf: als Chalets, Ställe oder Bienenhäuser getarnt.

Ein Holzchalet umgeben von Palmen, ein Bauernhaus an dessen Hausmauer eine Kartoffelgabel lehnt, ein Riegelhaus oder eine Scheune mit traditionellem Herz-Loch in der Tür. Eine Szenerie, die so täuschend echt wirkt, dass sich selbst Einbrecher täuschen liessen.

Doch die Bauten vermitteln nur im ersten Augenblick schweizerische Gemütlichkeit. Ein perfektes Bühnenbild auf rohem Beton: Türen, Dielen und Fenster mitsamt Gardinen sind aufgemalt. Die Fensterläden lassen sich nicht öffnen und der Balkon lässt sich nicht betreten. Beide sind kunstvolle Malerei.

Eine Felswand, die erst auf den zweiten Blick künstlich aussieht.
Legende: Selbst heute wissen nur wenige Schweizer von den ehemals geheimen Bauwerken. pro litteris/Christian Schwager

Die Schweiz als Bollwerk

Die Schweiz zählt 26'000 Bunker, die sich perfekt in die Landschaft einpassen. Teilweise sind sie so gut getarnt, dass selbst mancher Dorfbewohner von deren Existenz nicht wusste. Sie sind ein Teil des Bollwerkes, das die Eidgenossen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges bauten – aufgrund des Réduit-Befehls des General Guisan.

Die Schweizer tauschten damals ihre Sensen gegen Gewehre. Das Réduit, das Rückzugsgebiet im Herzen des Landes, war gross genug, um die ganze Armee aufzunehmen. Eine Verschleierungstaktik, deren teils bizarre Bauwerke noch bis heute intakt sind: künstliche Felswände an Passtrassen, die Geschütze und Kanonen tarnen, oder falsche Chalets mit getäferten oder gemalten Holzmustern, um die Betonwände des dahinter liegenden Infanteriewerks zu verbergen.

Vom Bunkersuchen und Bunkerfinden

Handwerkergruppen aus Schreinern, Schlossern und Malern verwandelten damals im Auftrag der Armee diese Betonklötze in dreidimensionale Bühnenbilder. Dabei gingen sie durchaus mit Ironie zu Werke. Die Proportionen stimmen nicht immer so ganz, wie die Bemalung suggeriert.

«Fast wie Bühnenmalerei für Theater oder Fasnacht», beschreibt Christian Schwager die Bunkerkunst. Der Fotograf hat mehr als hundert getarnte Bunker aufgesucht und ihren kunsthandwerklichen Tiefsinn in einem Bildband dokumentiert. Auch er wurde ein Opfer der Bunkertarnung: «Gleich acht getarnte Bunker fand ich in einem Dorf im Glarnerland. Bis ich die alle fand, stand ich erst auch vor richtigen Scheunen.»

Legende: Video Kunst im Bunker abspielen. Laufzeit 04:14 Minuten.
Aus 10vor10 vom 23.08.2012.

Ausgedient und umgenutzt

Nur zweimal ist Schwager in einen Bunker gestiegen, sonst hatte er nur Augen für die Camouflage: «Die Malerei wird zu einem Teil der Wirklichkeit, der eigentliche Sinn, der Bunker aus dem man schiessen kann, ist nicht erkennbar». Zwei Herbste lang hat er sie gesucht und gefunden: die originellsten Bunker. Ein Bienenhaus an der Bahnlinie in Rochefort, eine pittoreske Villa in Gland, eine Ruine auf dem Ofenpass oder ein ganzes Scheunenensemble, das in Ennetberg im Kanton Glarus ein eigenes Bunkerdörfchen bildet.

Zahlreiche Bunker sind heute nicht mehr in Betrieb. Doch wissen viele Schweizerinnen und Schweizer nichts von ihrer Existenz – zu authentisch sind die Tarnungen. Die Bunker standen früher unter strenger Geheimhaltung: Selbst ihren Ehefrauen durften die Soldaten nicht sagen, wo sie sich während ihren Einsätzen aufhielten.

Seit den 1990er Jahren verkauft die Schweizer Armee viele ihrer Objekte, meist für private Nutzung. Die bizarren Zeugen der Kriegsjahre werden heute kreativ genutzt: als Luxushotel, Kunstobjekt, Datencenter oder Pilzzucht.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei 3sat.de, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Buchhinweis

Christian Schwager: «Falsche Chalets». Edition Frey, 2004.

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