Erfolgsmodell Ghana Ghanas neue Mittelschicht will mehr Demokratie

Der afrikanische Mittelstand wächst, und zwar rasant. Er treibt die Wirtschaft voran, aber auch die Demokratie. Denn Menschen im Mittelstand sind auf stabile, verlässliche Verhältnisse angewiesen, damit die Wirtschaft funktioniert.

Mann und Frau, lachend mit aufgestrecktem Zeigefinger.

Bildlegende: Ghanas neue Mittelschicht ist nicht nur erfolgshungrig, sie will auch mehr Demokratie: Szene bei den Wahlen 2012. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Ghana erlebt seit einigen Jahren ein anhaltendes Wirtschaftswachstum.
  • Die neu entstandene Mittelschicht ist erfolgshungrig, sie kritisiert Bürokratie und Korruption und fordert mehr Demokratie.
  • Bei der Landbevölkerung ist der Wirtschaftsboom nicht angekommen.

Es war ein besonderer Moment bei jener Reportage 2003. Ich war unterwegs in Ghana, um mir ein Bild zu machen über den wachsenden Mittelstand in diesem westafrikanischen Land. Ich besuchte eine IT-Firma, war auf einer modernen Biofarm und an der Ghana Stock Exchange. Ich sprach mit Anwälten und Geschäftsfrauen.

Aufbruchstimmung

Sie alle waren sehr optimistisch. Sie erzählten mir, dass nach dem Ende der Einparteienherrschaft in den 1990er-Jahren, mit dem Einzug einer liberalen, offenen Wirtschaftspolitik, viele Ghanaerinnen und Ghanaer ins Land zurückgekehrt seien.

Es waren gut ausgebildete Menschen, die sich als das Rückgrat des neuen Ghana verstanden. Sie wirkten sehr selbstbewusst – Immobilienhändlerinnen, Ingenieure, Programmierer, Designerinnen. Sie schwärmten mir vor, wie viel Dynamik in der ghanaischen Wirtschaft stecke, wie viele «business opportunities» auf sie warteten.

Ein deutliches Zeichen

Und nun dies: Ich stand in einem neu erbauten Reihenhaus etwas ausserhalb der Hauptstadt Accra vor einer Einbauküche Made in Ghana. Und ich begriff auf einen Schlag, dass diese Einbauküche mit ihrem Geschirrspüler und dem Kühlschrank den neuen Mittelstand in Ghana sehr exakt beschreibt.

Denn erstens steht die Einbauküche dafür, dass es eine Schicht gibt, die sich so etwas leisten kann. Zweitens gibt es offenbar so viele Menschen, die sich eine ghanaische Einbauküche leisten können, so dass es sich lohnt, Einbauküchen im industriellen Massstab herzustellen.

Und drittens – eine Einbauküche im Haus ist ein Zeichen für einen ganz anderen Lebensstil; nicht mehr gemeinschaftliches Kochen im Hof unter dem Mangobaum.

Eine neue, erfolgshungrige Schicht

Heute gibt es noch viel mehr Einbauküchen als damals, 2003, als jene Reportage entstand. Denn Ghana erlebt, wie viele andere afrikanische Länder auch, ein anhaltendes Wirtschaftswachstum. Wachstumsraten von vier, in sehr guten Jahren von zwölf Prozent, haben dazu geführt, dass anstelle des gebrauchten, klapprigen Opels von damals heute ein neuer BMW vor der Garage steht.

Hochhaus mit Glasfassade

Bildlegende: Zeichen des Wachstums: moderne Architektur in Ghanas Hauptstadt Accra. Imago/phototek

Die neuen Mittelschichten sind aber nicht nur erfolgshungrig, sie sind auch darauf angewiesen, dass der Staat gut funktioniert. Sie kritisieren die immer noch überbordende Bürokratie, die manche Eigeninitiative mehr als nur bremst.

Die neue Mittelschicht will Demokratie

Die Vertreter der neuen Entrepreneurs wenden sich aber vor allem gegen eine gängige Praxis in Afrika, die Korruption. Denn Korruption ist teuer, Korruption verschafft ungerechtfertigte Vorteile am Markt, und Korruption ist das Gegenteil von dem, was für diese Generation zählt: die Leistung.

Insofern sind die neuen Mittelschichten auf Rechtsstaatlichkeit angewiesen, auf eine funktionierende Verwaltung und auf eine Demokratie, in der sie mitbestimmen können.

Armut, trotz allem

Wer in der senegalesischen Hauptstadt Dakar auf einer Terrasse sitzt, Blick auf die viel befahrene Strasse, frisch geduscht nach dem Besuch im Fitnessstudio, gehört noch immer zu den Privilegierten. Auch wer in Bamako sein Auto vor einem der neuen Bürokomplexe abstellt und seinen Tag im klimatisierten Büro verbringt, lebt im Vergleich ein gutes Leben.

Denn die Armut gibt es nach wie vor.

Es gibt die Armen, die in der Stadt ihr Glück versuchen, in einer der boomenden Metropolen Afrikas. Sie kommen vom Land, siedeln in den neuen, explodierenden Aussenquartieren und hoffen, ein wenig vom Reichtum der Stadt abzukriegen.

Einfache Lehmhütte, davor sitzen zwei Leute.

Bildlegende: Auf dem Land leben viele Menschen nach wie vor in sehr einfachen Verhältnissen. Imago/ZUMA Press

Landbevölkerung leidet

Die Armut gibt es aber auch bei den vielen, die draussen auf dem Land bleiben und nach wie vor versuchen, von der Landwirtschaft zu leben. Bei ihnen ist der Wirtschaftsboom nicht angekommen, im Gegenteil.

Weite Teile der Bevölkerung auf dem Land leiden unter der klimabedingten Trockenheit, unter Dürre und schwankenden Preisen für ihre Produkte. Staatliche Leistungen wie Spitäler sind auf dem Land nach wie vor rar.

Ob die konsumfreudigen, nach Europa orientierten Mittelschichten sich für die Armut im eigenen Land interessieren, ist allerdings fraglich.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 4.8.2017, 9:02 Uhr

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