GPS-Peilsender für Obdachlose sollen Bedürfnisse und Nöte zeigen

Ausgrenzung, damit reagieren viele europäische Städte gegen die wachsende Zahl von Obdachlosen und Bettlern. Nicht so in der dänischen Stadt Odense. Dort steht Integration im Zentrum. Mit bisweilen unkonventionellen Mitteln.

Ein Mensch sitzt in gebückter Haltung auf einer Parkbank.

Bildlegende: GPS-Geräte für Obdachlose? Ein Pilotprojekt in Odense sorgt für Diskussionen. Colourbox

Seit ein paar Wochen sind 20 Obdachlose in der dänischen Stadt Odense auf der Insel Fünen mit GPS-Peilsendern ausgerüstet. Ein Computer der kommunalen Sozialbehörden registriert die Signale und wertet die Daten der Obdachlosen aus.

«Wir wollen wissen, wohin sie gehen, wann sie dorthin gehen und wie lange sie bleiben», sagt der Sozialarbeiter Tom Rønning gegenüber der Zeitung «Politiken». Rønning ist der Initiant dieses ungewöhnlichen Pilotprojektes. Es will dazu beitragen, die Bedürfnisse der Obdachlosen besser zu erkennen und ihnen entgegenzukommen. «Dank dieser Informationen können wir unsere Hilfsangebote verbessern und unnütze Massnahmen, die nur viel Geld kosten, vermeiden», sagt Rønning.

Nicht verdrängen, sondern unterstützen

Odense mit seinen 170'000 Einwohnern gilt in Dänemark als Vorreiter für eine moderne Obdachlosenpolitik. Statt wie anderswo auf Verdrängung aus dem öffentlichen Raum zu setzen – oder gar, wie jüngst in Norwegen, das Betteln kurzerhand zu verbieten –, setzt die dänische Stadt auf Unterstützung und Integration. Dabei geht es vor allem darum, Menschen ohne eigenen Wohnsitz ein Dach über den Kopf zu verschaffen, in dem sie bleiben wollen und können.

Schon vor dem Peilsender-Projekt hat es Odense mit einer proaktiven Strategie geschafft, die Zahl der Obdachlosen innerhalb von vier Jahren von zwei- auf eintausend zu senken. Dabei stand neben der Vermittlung von Privatwohnungen der direkte Kontakt mit den Menschen auf der Strasse im Vordergrund.

Das Projekt stösst auf Wohlwollen

Obwohl das Projekt Erinnerungen an düstere Zukunftsvisionen à la «1984» weckt, sind negative Reaktionen bislang ausgeblieben: Namentlich unter den betroffenen Obdachlosen ist der Pilotversuch auf offene Ohren gestossen.

Wer sich bereit erklärt, einen Peilsender eine Woche lang mit sich herumzutragen, erhält drei kostenlose Mahlzeiten pro Tag. Zudem werden die gesammelten Informationen nicht einer spezifischen Person zugeordnet. Sie ergeben ein Gesamtbild, wo und wie der Tagesrhythmus der Menschen ohne eigenen Wohnsitz aussieht – und wo allenfalls gezielt Hilfe geleistet werden könnte: etwa Sitzbänke aufstellen oder eine Suppenküche einrichten.

Ein öffentlicher statt privater Raum

Die verwendete Technik wurde laut Angaben der Behörden ursprünglich für Demenzkranke entwickelt. Sie soll nun aber verstärkt in der Stadtplanung eingesetzt werden. Dabei geht es laut Tom Rønning nicht nur um eine neue Obdachlosenpolitik, sondern auch grundsätzlich um die Schaffung und Stärkung öffentlicher Räume, deren Nutzung nicht von kurzfristigen privaten Interessen geleitet werden.

Damit dürfte der laufende Pilotversuch in Odense auch weit über die Stadt und das Land Dänemark hinaus für Aufsehen sorgen. Eine erste Auswertung des Versuches wird im kommenden Frühjahr erwartet.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 30.09.2014, 17:06 Uhr.