Grelle Turnschuhe – ein Zeichen unserer Zeit

Blickt man urbanen Menschen auf die Füsse, sieht man allenthalben: grelle Marathonschuhe. Woher dieser neue Hang zur sportlichen Attitüde? Für den deutschen Philosophen Wolfram Eilenberger ist klar: Der Mensch will gewappnet sein im täglichen Kampf um Aufmerksamkeit.

Zeichnung eines Mannes, der in roten Sportschuhen über ein iPad rennt und dabei ein Smartphone in der Hand hält, dessen Lichtstrahl sein Gesicht anstralt.

Bildlegende: Smartphone, Tablet-PC, Hightech-Schuhe: die Insignien der leistungsbereiten Ich-AG. SRF/Andy Fischli

Jetzt, da der Grossstadtasphalt in der Sommerhitze flimmert, ist der Effekt besonders augenfällig. In grellsten, fluoreszierenden Farben zieren sie weltweit die Füsse der jungen, urbanen Arbeitselite. Die Rede ist, natürlich, von intensiv gefärbten High-Tech-Laufschuhen. Besonders gerne in Orange oder Pink, aber auch Türkis, Erdbeerrot oder Zitronengelb erfreuen sich von São Paulo bis Berlin erhöhter Beliebtheit. Hauptsache nur, das Auge schmerzt ordentlich beim Anblick.

Was soll das? Wie kommt es, dass immer mehr modebewusste und mutmasslich sogar urteilskräftige Trendwesen sich bei der Wahl ihres Schuhwerks für eine Farbe entscheiden, die bei jedem anderen Kleidungsstück absolut tabu wäre?

Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter

Eine erste, gewiss zu fussläufige Antwort bestünde im Verweis auf eine globale Ökonomie, in der Aufmerksamkeit selbst zum höchsten Gut und eigentlich gewinnbringenden Rohstoff geworden ist. Im digitalen Zeitalter ist an die Stelle des politisch-sozialen Kampfs um Anerkennung der individualisierten Kampf um das schlichte Wahrgenommen-Werden getreten. Unsere tägliche Aufmerksamkeit gibt uns heute. Ein möglichst grelles Auftreten mag da als plausible Strategie erscheinen.

Versportlichung unserer Gesellschaft

Aber warum ausgerechnet in Form eines Sportschuhs, und dann noch eines High-Tech-Produkts, das von Design und Federung spürbar für allerhöchste sportliche Anstrengungen ausgelegt ist? Hier berühren wir zweifellos den eigentlichen Kern des Phänomens. Denn mit dieser Frage stossen wir direkt auf die beiden wirkmächtigsten Megatrends unserer Zeit.

Zum einen die konkurrenzgetriebene und daher flächendeckende Versportlichung unserer Gesellschaft. Zum anderen die digital befeuerte Utopie der totalen, erschöpfungsfreien Mobilität. Im urbanen Marathonschuh für die leistungsbereite Ich-AG finden sie ihre konsequente Lifestyle-Synthese: Where do you want to go today?

Es zeigt sich an den Schuhen!

Einmal so weit gekommen, erfährt auch die sich beständig überbietende Tendenz zur farblichen Grellheit ihre eigentliche Entschlüsselung. Die Einsicht, dass man an den Schuhen die eigentliche Klasse und Herkunft eines Menschen erkennt, ist spätestens seit dem Mittelalter ein Fixum europäischer Menschenkenntnis.

Und dies mit gutem Recht. Schliesslich trägt der Schuh die Spuren des Weges stets mit sich. Ob man im täglichen Hin und Her eigenfüssig durch den städtischen Morast waten muss, oder aber wie ein Kardinal auf einer Sänfte über den alltäglichen Dingen zu schweben vermag: Es zeigt sich an den Schuhen! Und nirgendwo klarer als an besonders grell gefärbtem Schuhwerk. Denn nicht nur, dass es die Aufmerksamkeit des Gegenübers sofort auf sich zieht, nein, man sieht ihm auch jede Fremd- und Alltagsspur sofort an.

Der grelle Marathonschuh steht somit für den Entwurf einer Lebensform, die immer mobil und im Einsatz sein kann, ohne sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes die Füsse schmutzig machen zu müssen.

Die Utopie unserer Zeit

In dieser angestrebten Vermittlung vormaliger Gegensätze besteht nicht weniger als die Utopie unserer Zeit: Sportlich sein, ohne schwitzen zu müssen. Mobil sein, ohne sich fortbewegen zu müssen. Elite sein, ohne sich vom Fussvolk entfremden zu müssen. Volià: Der grelle Marathonschuh für den täglichen Weg zum ortlos gewordenen und daher omnipräsenten Büro. Fühlt sich super an, oder?

Weitere Zeitgeist-Phänomene zum Hören

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 29.7.2014, 12 Uhr.

Wolfram Eilenberger

Porträt eines Mannes mittleren Alters.

Wolfram Eilenberger

Geb. 1972 in Freiburg (D), hat Wolfram Eilenberger Philosophie, Psychologie und Romanistik studiert. Seit 1999 schreibt er u.a. Kolumnen für Zeitungen und hat diverse Bücher herausgegeben. Er hat sich darauf spezialisiert, philosophische Perspektiven auf Fragen der Politik, der Alltagskultur und des Sports anzuwenden. Er lebt in Berlin und Toronto.

Dem Zeitgeist auf der Spur

Von Selfies bis Normcore: der Zeitgeist hinterlässt seine Spuren. Mit sieben gesellschaftlichen Trends sollen die Merkmale unserer Zeit erklärt werden.