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Tourismus in Bulgarien Hässliche Hotels so weit das Auge reicht

Das Schwarze Meer, Gebirge, reiche Traditionen, alte Klöster – Bulgarien hat alles, was einen Hotspot auszeichnet. Doch es hat den Anschluss an touristische Trends verschlafen.

leerer Stand mit vielen Hotels
Legende: Zu viele Hotels, schlechter Service: Bulgarien gehört nicht zu den europäischen Topdestinationen. Colourbox

«Ich fahre nicht ans Schwarze Meer», brummt Kiril. «Erstens ist es mir zu weit. Zweitens ist es mir zu teuer. Drittens ist der Service dort zu unfreundlich. Viertens wurde in den letzten 25 Jahren die halbe Küste mit hässlichen Hotels verbaut.»

Nein, Kiril, der in den bulgarischen Rhodopen eine urige Gaststätte betreibt, fährt lieber nach Griechenland. «Das Mittelmeer ist näher. Das Land ist preiswerter. Und der Service ist professionell.»

Guter Service, bitte was?

Professionell, das kann man vom bulgarischen Tourismusministerium nicht sagen. Die Presseabteilung findet keine Zeit für ein Hintergrundgespräch. Der Beantwortung eines schriftlichen Fragekatalogs wird freundlich zugesagt,die Zusage aber nicht eingehalten, auf Nachfragen unfreundlich reagiert.

Von Service haben einige Beamte und so manch bulgarischer Investor immer noch eigene Vorstellungen. Auch deshalb tut sich das Land schwer, sein touristisches Potential für mehr Wohlstand im Land zu nutzen.

Hotels werden in die Landschaft gepflanzt

Dabei verfügt Bulgarien neben seiner Schwarzmeerküste über zahlreiche weitere Naturschönheiten. Es hat Hoch- und Mittelgebirge, heisse Mineralquellen, reiche Traditionen, antike Schätze und sehenswerte Klöster.

«Unser Hauptproblem ist, dass bei uns jeder ein Hotel baut. Sich aber kaum darum schert, wie es in der Umgebung aussieht», sagt Kiril, der Wirt aus den Bergen, in denen angeblich einst Orpheus geboren wurde. «Oft sind die Hotels viel zu gross für den Ort, an dem sie gebaut werden. Oder es sind zu viele.»

Tatsächlich floss immer wieder Geld in die gleichen Hotspots. In Orte wie Bansko oder Pamporovo, wo im Winter die vielen Gäste die Möglichkeiten der Loipen und Pisten bei weitem übersteigen.

«Was nützt mir ein schönes Hotel, wenn die touristische Infrastruktur ungenügend und das Personal unzureichend ausgebildet ist?», fragt Kiril.

Berg mit Nebel
Legende: In Bulgarien gibt es viele Naturschätze, wie beispielsweise der Berg Wichren (Vihren) im Pirin-Nationalpark. Imago/robertharding

Mineralbäder fristen ein verschwiegenes Dasein

Die Mehrheit der Bulgaren kann sich bei einem monatlichen Durchschnittslohn von 436 Euro ohnehin keinen Urlaub leisten. Bei rund sieben Millionen Einwohnern machten 2016 nur etwas mehr als 142'000 Urlaub im Ausland.

«Die meisten fahren ins Dorf ihrer Eltern und verbringen dort die Ferien. Zweimal im Jahr machen sie einen Kurzurlaub im Mineralbad. Wir fahren nach Velingrad», sagt Universitätsdozentin Emilia Konstantinova aus Plovdiv.

Die Mehrheit der Bulgaren macht es ebenso. Das Balkanland hat die grösste Anzahl heisser Mineralquellen in Europa – gut genug, jeder Krankheit des Bewegungsapparates zu lindern. Dass dieser Kurzurlaub für die Bulgaren erschwinglich ist, liegt daran, dass die meisten Mineralbäder noch immer ein verschwiegenes Dasein fristen.

Das Rila-Kloster
Legende: Das Rila-Kloster im bulgarischen Rila-Gebirge. Imago/UIG

Es gibt sie doch, die Touristen

Doch ganz so schlimm wie Kiril und Emilia erzählen, kann es nicht sein. Immerhin besuchten im letzten Jahr sechs Millionen ausländische Touristen Bulgarien. «So viel wie nie zuvor», sagt Tourismusministerin Nikolina Angelkova stolz.

827'000 Deutsche besuchten im letzten Jahr Bulgarien. Das ist eine Steigerung von fast einem Drittel gegenüber dem Vorjahr. Die Besucherzahlen aus der Schweiz stiegen leicht auf etwas über 34'000 Personen. Das aber dürfte vor allem damit zu tun haben, dass viele westeuropäische Touristen die Türkei zurzeit meiden und auf andere Ziele, wie eben Bulgarien, ausweichen.

Zukunftsmusik

Will man die Touristen langfristig halten, muss Bulgarien in Sachen Service und Infrastruktur viel Geld in die Hand nehmen. Und vor allem: Nicht nur auf seine Schwarzmeerküste setzen. Sondern auf das vielfach ungenutzte Potential seiner antiken und thrakischen Schätze, Mineralbäder und Bergregionen.

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