Zum Inhalt springen
Inhalt

Gesellschaft & Religion Harald Schmidt – ein Zyniker der alten Schule

Am 13. März lief die letzte Folge der Harald-Schmidt-Show. Die Kultsendung zelebrierte den Spott, die Ironie, den geistreichen Witz und die verstörende Absurdität. Schmidt gilt für viele als Inbegriff des Zynikers. Doch was zeichnet einen Zyniker aus? Und: Kennt der Zynismus moralische Grenzen?

Porträt
Legende: Als intellektueller Dirty Harry des Fernsehens polarisierte Schmidt. Keystone

Erst kurz vor Mitternacht durfte er jeweils vor die Kamera. Kein Wunder: Sein Humor ist schwarz wie die Nacht. Harald Schmidt hat eine der schärfsten Zungen des deutschsprachigen Fernsehens. Am 13. März lief seine letzte Late-Night-Show, sie war längst zum Kult geworden. Bereits 1995 flimmerte die erste Harald-Schmidt-Show über die Bildfläche. Schnell war klar: Dieser Moderator kennt nichts und darf fast alles. Seine zynische Art, das Tagesgeschehen zu kommentieren, verstörte die einen und amüsierte die anderen.

Zynismus als Distanzierung von der Welt

Legende: Video Harald Schmidt: «Der Zyniker distanziert sich durch seinen Spott» abspielen. Laufzeit 01:54 Minuten.
Aus Kultur vom 23.05.2014.

Als intellektueller Dirty Harry des Fernsehens polarisierte Schmidt. Für die einen der zynische Held, für die anderen ein menschenverachtendes Grossmaul – damit konnte Schmidt leben. Abstand nehmen von seinem Zynismus konnte und wollte er nicht. Denn für Schmidt ist der Zynismus die einzig angemessene Haltung gegenüber der eitlen und verrückten Welt von heute. Der Zyniker distanziert sich durch seinen Spott vom lächerlichen Alltagsgeschehen, missachtet narzisstische Konventionen und bricht unbegründete Tabus.

Diogenes, der Hundephilosoph im Fass

Schmidt sieht sich in der Tradition der antiken «Kyniker», auf die der Begriff des Zynischen zurückgeht. Diese Kyniker (von altgriechisch «kynos» für «Hund») strebten ein bedürfnisloses, naturnahes und gelassenes Hundeleben an. Gleichzeitig kritisierten sie die herrschenden Konventionen und Moralvorstellungen – nicht durch Belehrung, sondern durch Spott und Provokation. So soll der Kyniker Diogenes von Sinope im 4. Jahrhundert v. Chr. als Obdachloser in einem Fass gewohnt haben und Alexander den Grossen bei einer persönlichen Begegnung mit den Worten abgespeist haben: «Geh mir aus der Sonne!» Zyniker kennen eben keine Ehrfurcht.

Kyniker und Stoiker

Die Kyniker hatten einen starken Einfluss auf die stoische Philosophie. Stoiker wie Seneca oder Mark Aurel strebten ebenfalls nach einem glücklichen Leben im Einklang mit der Natur. Ihre Devise lautete: Gelassen hinnehmen, was sich nicht ändern lässt. Mit Vernunft, Selbstgenügsamkeit und Mässigung versuchten sie das Ideal der Gemütsruhe zu erreichen, die so genannte «Ataraxie» – die Unerschütterlichkeit der Seele.

Dieses Lebensideal hatten bereits die Kyniker, nur glaubten sie, die Provokation sei der effektivere Weg, um andere von der gelassenen Selbstgenügsamkeit zu überzeugen. Auch für Harald Schmidt ist der Zynismus die Wunderwaffe im Kampf gegen die verrückten Eitelkeiten des Zeitgeistes.

5 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.