Hautfarbe als Handicap – der tägliche Kampf des Mohamed Wa Baile

Etwa alle zwei Monate wird Mohamed Wa Baile von Polizisten kontrolliert, ohne sich in irgendeiner Weise verdächtig gemacht zu haben. Am Bahnhof, im Zug, am Bibliotheksausgang oder vor der Kindertagesstätte beim Abholen seiner beiden kleinen Kinder. Nur weil seine Hautfarbe anders sei, sagt er.

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Wa Baile: Aus dem Pendler-Strom herausgepickt

1:32 min, vom 6.4.2016

Er ist der Ansicht, um Integration müssten sich immer beide Seiten bemühen, aber was Mohamed Wa Baile im Alltag erlebt – die regelmässigen, nicht nachvollziehbaren Kontrollen von Polizisten – will er nicht einfach so hinnehmen: «Es ist erniedrigend. Sie geben mir das Gefühl, ich sei eine falsche Person. Aber ich lebe und arbeite hier, stehe wie alle anderen Pendler früh auf, um zur Arbeit zu gehen, um meine beiden Kinder zu ernähren.»

Wa Baile beklagt den Reflex der Polizisten, die jeweils ihn aus der Menge herauspflückten. Er empfindet dies als Racial Profiling. Dieser Begriff aus der Kriminalistik bezeichnet das Vorgehen gegen Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, nicht wegen ihres konkreten Verhaltens.

Stereotyp: jung, männlich, schwarz

Wa Baile kam von Kenia über Südafrika in die Schweiz. Er ist mit einer Schweizerin verheiratet, hat den Schweizer Pass. Er lebt mit seiner Familie in Bern und ist dort in der Fachkommission für Integration engagiert.

Täglich pendelt er zu seiner Arbeit nach Zürich an die ETH, wo er als Dokumentalist tätig ist. Wie ihm gehe es all seinen schwarzen Bekannten, berichtet er. In erster Linie den Männern. Jung und männlich, so sieht schliesslich das Stereotyp des Kriminellen aus.

Unterstützung bei Brecht

Die ungerechtfertigt als Drogendealer oder gar als Terroristen Verdächtigten wissen sich mit allerhand Tricks zu helfen: Sie kleiden sich etwa betont elegant und werden so eher in Ruhe gelassen. Wa Baile erzählt das tragisch-komische Beispiel eines Mannes, der nur in Postuniform das Haus verlässt.

Für Mohamed Wa Baile ist dieses Anpassen oder Verstecken aber keine valable Option. Er empfindet die ungerechtfertigten Kontrollen als tiefes Unrecht. Deshalb ist er bereit, zivilen Ungehorsam zu leisten, verweigert die Aussage, nimmt in Kauf zum Polizeiposten abgeführt zu werden. Um dann wieder freigelassen zu werden, sobald die Polizisten seinen Ausweis im Rucksack entdeckt haben.

Mohamed Wa Baile am Perron.

Bildlegende: Auf seinem Weg zur Arbeit von der Polizei kontrolliert zu werden, gehört für Wa Baile zum Pendler-Alltag. Manu Friederich

Er holt sich Unterstützung beim grossen Dramatiker Bertolt Brecht, den er zitiert: «Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.»

Wa Baile sieht aber auch die Polizei in der Pflicht. Diese müsste intern das Thema Racial Profiling viel stärker thematisieren. «Damit meine beiden Kinder später nicht immer noch dieselben Erfahrungen machen müssen.»

Aktiv gegen das Unrecht

Wa Baile ist auf verschiedenen Ebenen aktiv: Er hat eine Plattform aufgebaut für Menschen mit Migrationshintergrund und er verarbeitet seine persönlichen Erfahrungen zu Büchern und Theaterstücken. «Kein Volk von Schafen» und «Mohrenkopf im Weissenhof» wurden bereits mehrmals aufgeführt.

Eine direkte Art, die Menschen mit dem Thema zu konfrontieren. So hat Wa Baile aus Reaktionen von Zuschauern erfahren, dass sie nun viel besser verstehen können, wie sich für ihn die Diskriminierung anfühle. Eine letzte, kleine Überraschung hat er noch bereit: «Mein Vorbild ist die Frauenbewegung», denn diese habe gezeigt, dass es «keine Rechte gibt, ohne dafür zu kämpfen».

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