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Gesellschaft & Religion «Herzliches Beileid» ist auch per Mail und SMS legitim

Bis zum 19. Jahrhundert war die Trauer eine öffentliche Angelegenheit. Heute ist die Trauer weitgehend zur Privatsache geworden, konstatiert das Buch «Herzliches Beileid. Eine Kulturgeschichte der Trauer». Es bietet einen genauen Blick darauf, wie Menschen heute trauern.

Grabsteine zwischen vielen Bäumen.
Legende: Die alten Regeln sind passé: Heute trauert jeder individuell und oft auch ziemlich einsam. colourbox

Wenn früher der Bäcker oder der Schuster starben, so fehlten sie erst einmal. Jeder Verstorbene hinterliess eine spürbare Lücke in der Gemeinschaft, vom Verlust war damals nicht nur die Familie betroffen. Die Gemeinschaft war gezwungen, sich immer wieder neu zusammenzufügen, dabei erwies sich die gemeinsame Trauer als hilfreich. Heute ist, hart gesagt, jeder in der Gesellschaft ersetzbar, so der Kunsthistoriker Reiner Sörries in seinem Buch «Herzliches Beileid».

Hilfsangebote auf dem Trauermarkt

Seit das Trauern um nahe, geliebte Menschen zur Privatsache geworden ist, sind nicht wenige Menschen damit überfordert. Der Halt in der Gemeinschaft fehlt. Trauercoaches, Trauertherapeuten und Trauerratgeber stehen zur Verfügung, um diese Lücke zu schliessen. Das lukrative Gewerbe wirbt für sich mit Ausagen wie «die Trauer als äusserst kreative und befreiende Lebenskraft»,  beobachtet Sörries.

Ob trauern wirklich kreativ und befreiend sein kann, lässt Sörries offen. Er schreibt in diesem Zusammenhang: «Trauer ist zwar in einem öffentlichen Rahmen wieder gesellschaftsfähig, doch bedeutet dies längst nicht, dass die individuelle Trauer eines Einzelnen im Lebens- und Berufsalltag akzeptiert wird.»

Trauern wie man will

Die Trauerrituale von einst würden viele Menschen als verstaubt und daher untauglich empfinden. Auf die sichtbaren Zeichen der Trauer - wie zum Beispiel dem Tragen schwarzer Kleidung oder eines Trauerflors - wird mehrheitlich verzichtet, so Sörries. Ebenso gelte der einstige Leichenschmaus, das gesellige Essen und Trinken nach der Beerdigung, zunehmend als überholt, wenn nicht gar unpassend.

Heute werde nach eigenem Gutdünken getrauert. Alles ist möglich. In unseren Breitengraden gibt es neben den kirchlichen oder weltlichen Bestattungen noch viele andere Möglichkeiten. Die Asche des Verstorbenen kann auf einer Seereise in alle Winde verstreut werden, in einer Urne auf der Kommode im Wohnzimmer stehen oder gar als Diamant-Asche an einer Kette um den Hals getragen werden.

Diese einerseits erlösende Befreiung von starren Regeln, wird auf der anderen Seite mit einem erheblichen Mass an Orientierungslosigkeit bezahlt, schreibt Sörries sinngemäss in seiner «Kulturgeschichte der Trauer.»

Der neue Trend: Trauern im Internet

«Eine kleine Revolution» nennt Sörries die Kondolenz-E-Cards. Diese kostenlosen elektronischen Postkarten zeigen zum Beispiel einen nachtblauen, Wolken verhangenen Himmel mit der Boschaft «Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon». Die Anbieter schreiben zu ihrem Angebot: «Trauerkarten versenden online ist durchaus in Ordnung um ein erstes Mitgefühl auszudrücken. Die kostenlosen Trauer-Grusskarten können Sie von hier aus in die ganze Welt versenden.»

Mit Blick auf die Geschichte der Trauermitteilungen, ist diese Entwicklung folgerichtig: Die Erfindung des Buchdrucks machte es einst möglich, Leichenpredigten zu drucken. Später dann veröffentlichten die ersten Tageszeitungen Todesanzeigen. Und nun bietet auch das Internet Hand zur Erinnerungskultur. Fazit: «Jede neue Technik, jedes neue Medium verändert die Trauerkultur.»

Buchhinweis

Reiner Sörries: Herzliches Beileid. Eine Kulturgeschichte der Trauer. Primus Verlag, 2012