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HörPunkt: Glückliche Pendler? Stau-Gebühr: So bekam Stockholm die Verkehrslawine in den Griff

Der Strassenverkehr ist nicht mehr gewachsen in Stockholm – trotz Bevölkerungswachstum. Die Pendler nutzen stattdessen den gestärkten öffentlichen Verkehr und die besseren Velowege. Dahinter steckt ein genialer Schachzug der Politik.

Blick auf eine kleine Insel mit älteren Palästen und einer Kirche.
Legende: Nach der Strassengebühr soll es auch eine fürs Wasser geben: Stockholms Stadtgebiet ist auf viele Inseln aufgeteilt. Flickr / Benoìt Derrier

«Vor zehn Jahren kam ich fast immer zu spät zur Arbeit und stand stundenlang im Stau», Patrik Bröberg erinnert sich. Der Vater dreier Kinder lebt im Norden der schwedischen Hauptstadt und arbeitet südlich des Zentrums. Heute ist alles anders: «Ich habe eine Vielzahl von Möglichkeiten: die U-Bahn, die S-Bahn, per Velo, alles funktioniert jetzt viel besser», betont Bröberg und lobt die Verkehrspolitik der letzten zehn Jahre.

Tatsächlich ist es Stockholm gelungen, die Verkehrslawine auf der Strasse in den Griff zu bekommen und die Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs gleichzeitig massiv auszubauen. Die Folge: Dem Stockholmer Verkehr und der halben Million Pendlerinnen und Pendlern geht es heute spürbar besser.

Über Nacht verschwand fast die Hälfte des Strassenverkehrs

Eine Strasse in Stockholm, darüber ein Gerüst mit einem Schild mit der Aufschrift: "Betalstation".
Legende: Eindrückliche Wirkung: Eine Staugebühr hat den Stockholmer Strassenverkehr innert Kürze massiv reduziert. SRF / Bruno Kaufmann

Wie war das möglich? «Wir führten Anfang 2006 eine Staugebühr für Motorfahrzeuge im Stadtzentrum ein. Über Nacht verschwanden fast 40 Prozent des Strassenverkehrs», berichtet Gunnar Söderholm, der heute die Umweltbehörde der schwedischen Hauptstadt leitet. Die Stockholmer Staugebühr wurde zunächst nur als Versuch eingeführt und nach einem halben Jahr ausgewertet.

Dann folgte der nächste Paukenschlag: In einer Volksabstimmung sprach sich eine klare Mehrheit der Stockholmerinnen und Stockholmer für eine permanente Einführung des sogenannten «Road Pricing» aus. Zu Beginn des Versuches waren es laut Meinungsumfragen nur gerade einmal 25 Prozent. «Die Bürger konnten mit eigenen Augen sehen, wie effizient diese Massnahme zu einer besseren Lebensqualität in der Stadt beitrug und begrüssten dies an der Urne», unterstreicht Gunnar Söderholm.

Nach der Strasse auch die Wasserwege

In Stockholm leben heute gut 900´000 Menschen, in der weiteren Agglomeration sind es insgesamt fast zwei Millionen. Eine halbe Million Gross-Stockholmerinnen und Stockholmer pendeln jeden Tag zur Arbeit. Die Staugebühr ist je nach Zeitpunkt unterschiedlich hoch, pro Tag beträgt sie aber höchstens 10 Franken. Mit diesen Einnahmen haben die Stadt und die Region in den letzten zehn Jahren den öffentlichen Verkehr und das Velowegnetz um über 50 Prozent ausgebaut.

«Wir haben überraschend viel richtig gemacht und dabei der Verkehrszunahme durch das Bevölkerungswachstum auf der Strasse die Spitze genommen», sagt der Verkehrsexperte Mattias Goldmann, der bei der Denkschmiede Fores arbeitet. «In einem nächsten Schritt müssen wir nun den öffentlichen Verkehr auf dem Wasser stärken, denn dort können die Arbeitswege zwischen den verschiedenen Inseln stark verkürzt werden», sagt Goldmann.

Stockholm macht Schule

Das Stockholmer Modell macht nun Schule: In der zweitgrössten Stadt Schwedens, Göteborg, ist zu Beginn des letzten Jahres ein Versuch mit der Staugebühr gestartet worden. Demnächst können nun die Bürgerinnen und Bürger über das Weiterbestehen des Systems entscheiden, das der Stadt viel Geld für weitere Investitionen in die Infrastruktur beschafft.

Die Akzeptanz eines solchen «Road Pricings» hängt nach Ansicht von Gunnar Söderholm auch davon ab, ob das gewählte System tatsächlich dem Allgemeinwohl dient und von den einzelnen Bürgern als verhältnismässig und damit legitim betrachtet wird. In Stockholm hat dies funktioniert: Heute begrüssen über 75 Prozent der Bevölkerung die Staugebühren.

Live aus dem Pendlerstrom

Live aus dem Pendlerstrom
Legende: SRF Julian Salinas

Radio SRF 2 Kultur nimmt den Arbeitsweg unter die Lupe und sendet einen Tag lang live aus dem Hauptbahnhof Zürich.

HörPunkt «Glückliche Pendler? – Ein Trend auf dem Prüfstand». Zum Webspecial

2. Juli, Radio SRF 2 Kultur
6 bis 24 Uhr

11 Kommentare

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  • Kommentar von S.L., Schweden
    Gewisse Kommentare hier sind unglaublich... Ich musste jahrelang mich in Zürich durch den Verkehr quälen & dachte das müsse man halt akzeptieren wegen der hohen Anzahl an Pendlern. Weit gefehlt! Wer zum Vergleich in Stockholm pendelt kommt aus dem staunen nicht raus. Der ÖV ist extrem gut, sehr sauber und die Leute nicht halb so gestresst & aggressiv. Es hat genug Platz, man kommt rasch & vorallem günstig ans Ziel. Aber lieber meckern statt überlegen wie man etwas abgeändert nutzen könnte...
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  • Kommentar von B. Vogt, Zürich
    Ich kenne Skanndinavien und wenn dort Politiker ein Problem lösen wollen, dann greifen sie immer sofort zu steuern. Zuckersteuer, Autosteuer, Strassensteuer alles ist irgendwie besteuert. Und wenn es bei uns auch schon viel zu versteuern gibt bin ich doch sehr froh das sich diese Mentalität bei uns noch nicht ganz durchgesetzt hat. Man sollte viel eher darauf achten das Menschen weniger weit pendeln und wieder näher beim Arbeitsort wohnen, das brächte viel mehr!
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  • Kommentar von A. Vögeli, Basel
    Wäre schön, wenn dies in den grossen Städten der Schweiz eingeführt würde. Vielleicht würden sich die Leute dann eher überlegen, mit den ÖV zur Arbeit zu fahren.
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    1. Antwort von Christoph Lorenz Aeberhard, CH - 6062 Wilen ( Sarnen )
      Wie schön auch der öV ist überlastet hat Stau zu den gleichen Zeiten wie auf der Strasse, ich verlange auch hier Staugebühren für den einzelnen Mensch der sich bewegt da er Stau erzeugt ( Verursacherprinzip ) und das er der Arbeit fröhnt. Wieso haben die Menschen keine Zeit auf das nächste öV Mittel zu warten obwohl 10' später wieder fährt, nein sie müssen drängeln und produzieren den Stauanfang.
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    2. Antwort von A.Käser, Zürich
      A.V./Hauptsache bevormunden?Oder wie? Bahn frei für die,die es sich leisten können.Alle anderen in die Sardinenbüchsen(Züge).Waren-und Dienstleistungserbringer wälzen die Kosten ab.Führt zur Verteuerung der Waren/Dienstleistungen.Verteuerung ist für niedrigere Einkommen prozentual höher und allgemein nimmt die Lebensqualität ab(Staustunden,Lärm,Gestank,Dichtestress nehmen zu).Gibt nur Eines.Stopp der Bevölkerungsexplosion!
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    3. Antwort von A.Käser, Zürich
      Besser nicht mehr in die Städte fahren.Wozu überhaupt? Um zu arbeiten? Ist wohl Schnee von gestern.Wofür? Besser Sozialhilfe beziehen und Sprachkurse besuchen.Bei Langeweile sich therapieren lassen.Liegt hier ein Denkfehler vor? Weniger Stress, weniger Krankheiten(auch psychische),weniger Burn-Outs,weniger Zuvilisationskrankheiten(Krebs,Arteriensklerose,Diabetes,Alzenheimer,Herzinfakte,Depressionen,Süchte).Mehr Zeit für soziale Kontakte,Politik,Kinder,Alte,Eigenleistungen.Rad zurückdrehen.
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