Hongkongs Haushälterinnen: Migrantinnen zweiter Klasse

Sie stammen aus Indonesien und den Philippinen: Frauen, die im reichen Hongkong als Haushaltshilfen arbeiten. Mit dem Lohn müssen sie ihre Familien in der Heimat unterstützen. Doch Vermittlungsagenturen und restriktive Gesetze machen ihnen das Leben schwer.

Kleine Menschengruppen sitzen auf einer Wiese. Im Hintergrund sind Hochhäuser zu erkennen.

Bildlegende: Indonesische Migrantinnen verbringen ihren freien Tag im Victoria-Park. Martin Aldrovandi

«Wir testen sie auf HIV, machen Röntgenbilder, checken sie auf alle Krankheiten durch», sagt die freundliche Dame einer Vermittlungsagentur in Hongkongs Geschäftsviertel Central. Das Unternehmen ist auf philippinische Dienstmädchen, so genannte Maids, spezialisiert.

Man vermittle nur gesunde Frauen, versichert sie, und wenn der Arbeitgeber unzufrieden sei, könne er den Vertrag wieder beenden. Danach hätten die Frauen zwei Wochen Zeit einen neuen Job zu finden, ansonsten müssen sie Hongkong verlassen.

Illegale Vermittlungsgebühren

Anna Cortez und Balotte Mirafuentes sitzen an einem Tisch und blicken in die Kamera.

Bildlegende: Anna Cortez (l) und Balotte Mirafuentes, die sich bei der Gewerkschaft um Cortez' Fall kümmert. Martin Aldrovandi

Anna Cortez (Name geändert) ist ein solcher Fall. Ihr Arbeitgeber hat ihr nach fünf Monaten gekündigt. Weshalb wisse sie nicht, sagt die 47-Jährige: «Ich fragte nach, was ich falsch gemacht habe, erhielt aber keine Antwort». Bislang hat sie noch keine neue Stelle gefunden und in drei Tagen läuft die zweiwöchige Frist ab.

Gleich hat sie einen Termin bei der Maid-Agentur in Central. Auch wenn sie eine neue Stelle findet, ist da noch das Problem der Vermittlungsgebühren. Umgerechnet 1'000 Franken wolle die Agentur von ihr, ärgert sich Anna Cortez. Die eine Hälfte in bar, die andere müsse sie später in Raten abzahlen. Und das obwohl die Gebühren gemäss Gesetz nur zehn Prozent des ersten Monatslohns ausmachen dürfen.

Hongkong Vorbild in der Region

Der Mindestlohn für die Maids beträgt in Hongkong 3'920 Hongkong Dollar - umgerechnet 470 Franken. Balotte Mirafuentes von der Gewerkschaft Alliance of Progressive Labor hat sich Cortez’ Fall angenommen. «Die zusätzlichen Gebühren sind natürlich illegal», sagt sie. Deshalb erhielten die Frauen auch keine schriftliche Bestätigung.

Rund 300'000 ausländische Haushaltshilfen arbeiten in Hongkong, die Mehrheit stammt aus Indonesien und den Philippinen. Verglichen mit anderen Ländern in der Region ist Hongkong jedoch geradezu vorbildlich: So gibt es einen Standardvertrag für die Maids, die Arbeiterinnen dürfen sich gewerkschaftlich organisieren und sie erhalten mindestens einen freien Tag in der Woche.

100 Franken Monatslohn in der Heimat

Anna Cortez’ Familie ist auf ihr Gehalt angewiesen, der Ehemann verdient als Fahrer in den Philippinen kaum Geld. Dank der Mutter konnten alle drei Kinder studieren. «Wäre ich in den Philippinen geblieben, hätte ich meine Kinder niemals auf die Universität schicken können». Mit einem Monatslohn von 100 Franken hätte sie sich die Studiengebühren nicht leisten können.

Hongkong fürchtet Familiennachzug

Für immer will Anna Cortez dennoch nicht in Hongkong bleiben. Als Haushaltshilfe kann sie sich ohnehin nicht für eine langfristige Aufenthaltsbewilligung bewerben. Die Maids dürfen nur solange in Hongkong bleiben, wie ihre Verträge gültig sind. Von anderen Berufen bleiben sie ausgeschlossen.

Die Hongkonger hätten Angst, dass die Maids sonst ihre Familien nachholen würden, sagt Soziologin Hau-nung Chan der Hongkonger Lingnan Universität. Man fürchte sich vor einem Ansturm aus Südostasien.

Anna Cortez macht sich auf den Weg zum Büro der Agentur in Central. Es ist ihre letzte Chance, doch noch eine Stelle zu finden, ansonsten muss sie zurück in die Philippinen. Das Treffen dauert nur wenige Minuten. Derzeit gebe es keinen Arbeitgeber, der Interesse habe, sagt man ihr - und schickt sie weg.

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