Human Enhancement: Perfekt ist nicht ideal

Doping fällt in die Kategorie des Human Enhancement, dessen Ziel es ist, den Menschen über seine natürlichen Grenzen hinaus zu verbessern. Während Doping allerdings klar verboten ist, diskutieren Philosophen kontrovers, ob Human Enhancement moralisch erlaubt oder sogar geboten ist.

Radfahrer bei einem Velorennen

Bildlegende: Übermenschliche Leistungen: Im Radsport wird die menschliche Leistungsfähigkeit immer wieder mit Doping gesteigert. Getty Images

Die Debatte um Doping im Spitzensport läuft heiss in diesen Tagen. In der Leichtathletik sehen sich mit dem Jamaikaner Asafa Powell und dem Amerikaner Tyson Gay zwei der aktuell weltbesten Sprinter mit einem positiven Dopingtest konfrontiert. Und während der Tour de France gaben die sogenannten Wattzahlen der Spitzenfahrer zu reden: Sieger Chris Froome brachte bei einzelnen Aufstiegen eine Leistung auf die Strasse, die schlicht «übermenschlich» sei, so der einstige Trainer Antoine Vayer.

Solche Aussagen im Radsport überraschen kaum mehr. Zu oft wurden die Fahrer des Dopings überführt, so wie der deutsche Tour-Sieger Jan Ullrich, der nach jahrelangem Leugnen nun plötzlich den Gebrauch von Doping zugab. Zugleich beharrte Ullrich im enthüllenden Interview allerdings darauf, niemanden betrogen zu haben: Er habe vielmehr einfach das getan, was alle anderen auch getan hätten.

Doping als Enhancement

Doping im Sport ist der paradigmatische Fall von sogenanntem Human Enhancement. Human Enhancement bezeichnet medizinische oder biotechnologische Interventionen, deren Ziel nicht primär therapeutischer oder präventiver Art sind, sondern die auf die Verbesserung des Menschen abzielen. Anders als eine Therapie will also Enhancement nicht eine Krankheit oder ein Leiden beheben, sondern die psychische oder physische Leistungsfähigkeit einer Person steigern.

Neben Dopingpräparaten für Sportler ist hierzulande vor allem das Medikament Ritalin als Leistungssteigerer bekannt. Zwar wird Methylphenidat – der Stoff, der im Ritalin steckt – auch zu Therapiezwecken eingesetzt, etwa bei Kindern, die sich nicht konzentrieren können, leicht reizbar sind oder zu Impulsivität neigen. Doch auch gesunde Erwachsene greifen zu Ritalin, wenn sie sich besonders gut konzentrieren können und intellektuelle Höchstleistungen erbringen müssen. Je nach Studie sollen in der Schweiz bis zu 15 Prozent aller Medizinstudierenden vor Prüfungen Ritalin schlucken, was dem Medikament den Ruf der Modepille der Leistungsgesellschaft eingetragen hat.

Warum normal, wenn's besser geht?

Ob es moralisch erlaubt ist oder gar geboten, die menschlichen Grenzen mit chemischen oder technologischen Mitteln zu sprengen, darüber tobt in der Philosophie seit Jahren ein Streit. Die Befürworter des Enhancement wollen ganz generell nicht einsehen, warum wir uns mit dem Staus Quo, den wir gern als Norm bezeichnen, zufrieden geben sollen, wenn's auch weitaus besser ginge. Einige Enhancement-Befürworter, zu denen etwa der in Oxford lehrende Julian Savulescu gehört, gehen noch weiter: Sie sagen, es sei die Pflicht der Eltern, ihren Kindern mit chemischen Substanzen zu Höchstleistungen zu verhelfen, solange erwiesen sei, dass die entsprechenden Massnahmen keine nachteiligen Nebenwirkungen haben. Denn weshalb sollten wir unseren Nachwuchs mit Nachhilfestunden und Frühchinesisch auf Exzellenz trimmen, die entsprechenden Pillen aber verschmähen?

Dem Leben mit Demut begegnen

Einer, der sich seit Langem kritisch zu Enhancement äussert, ist der in Harvard lehrende Michael Sandel, der bereits 2004 in einem viel beachteten Essay mit dem Titel «The Case Against Perfection» (erschienen in «The Atlantic») die Tendenz angeprangert hat, das Leben nicht mehr als Gabe anzusehen, dem mit Demut zu begegnen sei, sondern als kontrollier- und optimierbare Grösse, für deren Output wir selber – oder unsere Erzeuger – gänzlich Verantwortung tragen. In seinem 2007 erschienenen Buch «The Case Against Perfection», dessen deutsche Übersetzung der ebenfalls gegenüber Enhancement kritisch eingestellte Jürgen Habermas mit einem Vorwort versehen hat, doppelte der Philosoph nach.

Zwar prangerte das Buch insbesondere die Selektion und die genetische Verbesserung von Embryonen an, um Eltern zu perfekteren Kindern zu verhelfen. Doch Sandels Hauptargumente richten sich im Wesentlichen gegen jede Art von prometheischem Drang, die Grenzen des uns Wesentlichen zu sprengen. Dass es nicht ganz einfach ist, diese Argumentation ohne Rückgriff auf religiöse Ideen zu führen, gibt auch Sandel zu, wenngleich er betont, dass die «Offenheit für das Unerbetene» eine Tugend sei, die sich auch aus säkularer Sicht empfehle – sowohl unseren Kindern gegenüber, die ihre eigenen Wege gehen müssen, als auch unserer eigenen Existenz gegenüber, die sich der kompletten Planbarkeit entziehe.

Doping als Gerechtigkeitsproblem

Doch zurück zum Doping. Zwar mögen Asafa Powell, Tyson Gay oder Jan Ullrich die Tugend der «Offenheit gegenüber dem Unerbetenen» nicht besonders gut beherrscht haben. Doch hätten sie einen Talentwettbewerb für Tugendhafte gewinnen wollen, wären sie nicht Spitzensportler geworden. Warum also nicht mit einer kleinen Portion Chemie oder aufgepepptem Eigenblut nachhelfen, wenn das Training nicht ausreicht? Weil es ungerecht ist, sagt Michael Sandel. Zwar mag Jan Ullrich Recht haben, wenn er betont, dass alle «es» getan hätten und die Spiesse im Wettkampf zumindest nicht ungleich, wenn auch für alle länger waren. Dennoch kann eine solche Argumentation nicht ausschliessen, dass sie den Druck auf jene erhöht, die gern «sauber» blieben und damit die freie Entscheidung, ob man zu Dopingsubstanzen greifen will oder nicht, irgendwann keine freie Entscheidung mehr sein wird.

Wenn Leistung käuflich wird

Freilich: Keiner ist gezwungen, in den Spitzensport zu gehen. Um zu verstehen, weshalb Sandel Doping und im weiteren Sinne Enhancement dennoch als Gerechtigkeitsproblem versteht, muss man sein neustes Buch «Was man für Geld nicht kaufen kann» lesen, das eine Omnipräsenz der Marktlogik behauptet – und harsch kritisiert. Wenn Leistung und damit Chancen und schliesslich Erfolg immer weniger als das Resultat von naturgegebenen Talenten begriffen werden, für die wir Demut empfinden, sondern optimierbare und damit käufliche Grössen werden, dann weitet sich auch das Gerechtigkeitsproblem aus. Der Beste ist dann nicht mehr jener, der seine Talente mit Fleiss und Chuzpe aufpoliert, sondern mit käuflicher Chemie und dem bestbezahlten Trainer.

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