Humor und Religion – wann Lachen erlaubt ist

Der jüdische Humor ist berühmt. Aber auch Hindus und Katholiken machen sich lustig über ihre Riten. Doch dürfen Aussenstehende Witze reissen? Ja, wenn sie nicht verletzend wirken, sagt Religionswissenschaftler Christoph Peter Baumann. Doch der Grat ist schmal.

Zwei Männer hängen an Kreuzen und singen.

Bildlegende: Ein Liedchen trällern am Kreuz: Der Film «The Life of Brian» ist ein Paradebeispiel für das Veralbern von Religionen. Columbus Film SA

Welche Rolle spielt Humor in den Religionen?

Christoph Peter Baumann: Humor kann verschiedene Rollen spielen. Intern kann es sich um Ironie handeln, indem sich eine Gemeinde oder die Verantwortlichen einer Gemeinde selbst einen Spiegel vorhalten. Humor kann auch ein Katalysator für gewisse Missstände innerhalb der Gemeinde sein oder ausdrücken, wie eine Gemeinde oder Gemeinschaft von Aussen wahrgenommen wird.

Ich kenne auch eine ganze Reihe von Gemeinschaften, die mithilfe von Humor religiöse Inhalte vermitteln, z.B. durch veranschaulichende Cartoons in religiösen Zeitschriften. Nicht zu unterschätzen ist auch, wie sich religiöse Gemeinschaften mithilfe von Humor über grosse Schwierigkeiten hinweg zu helfen verstehen.

Gibt es denn spezifische Unterschiede zwischen den Religionen?

Weniger zwischen den Religionen an sich, als zwischen den einzelnen Menschen innerhalb der jeweiligen Religion. In den 30 Jahren, in denen ich mittlerweile Feldstudien betreibe, erlebte ich unzählige Besuche und Begegnungen mit Angehörigen von verschiedensten Religionsgemeinschaften. Dabei habe ich festgestellt, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Religionen kleiner sind, als diejenigen zwischen den einzelnen Angehörigen. Es gibt wohl in jeder Gemeinschaft sowohl humorlose als auch kritisch-humorvolle Gläubige. Mittlerweile denke ich, dass man bezüglich Humor nicht klassifizieren kann.

Sind sie denn nie auf eine Gemeinschaft gestossen, die Humor explizit ablehnen würde? Sozusagen aus religiösem Prinzip?

Doch, auch. Aber das sind wirklich ganz kleine Minderheiten. Die fühlen sich dann auch konsequent bei allem angegriffen. Es gibt in jeder religiösen Gemeinschaft Grenzen beim Humor. Wenn jedoch prinzipiell nicht gelacht werden darf, schrillen bei mir die Alarmglocken. Dann muss etwas Grundsätzliches nicht stimmen – für die Mitglieder wirkt sich das definitiv negativ aus.

Sie sprechen von allgemeinen Grenzen beim Humor. Gibt es in den verschiedenen Religionen spezifische Tabus, was Humor anbelangt?

Die gibt es grundsätzlich schon. Im Islam etwa darf kein Prophet ins Lächerliche gezogen werden. Hingegen darf Allah durchaus Humor zugebilligt werden. Im Christentum liegen die Grenzen bei den Sakramenten. Über die Beichte darf man zum Beispiel durchaus Witze reissen, der Akt der Segnung wäre jedoch ein absolutes Tabu.

Und wie sieht es in den eher östlichen Religionen, wie dem Buddhismus und Hinduismus, aus?

Generell kann es im Buddhismus und Hinduismus genauso fröhlich oder fanatisch wie in den anderen Religionen zugehen. Auch dort findet man Tabus, genauso aber auch zahlreiche Witze und Anekdoten. Ein Beispiel: An einem bestimmten Hindu-Fest wird eine Statue von Ganesha aus Lehm, herumgetragen und am Schluss im Wasser versenkt. Dies ist in folgende Anekdote umgewandelt worden: Menschen sind auf einem Boot, welches ein Loch hat und zu sinken beginnt. Sie beten zu Ganesha, damit er ihnen hilft. Dieser lacht nur und sagt, jedes Jahr ersäufen sie mich im Wasser, jetzt mache ich es mal umgekehrt und lasse die Menschen ersaufen. Das ist ein wenig makaber, es zeigt jedoch, dass auch in diesen Religionen die Götter mit Humor verbunden werden.

Innerhalb der Religionen scheint das weniger problematisch, wie sieht es jedoch aus, wenn sich Religionen über andere Religionen lustig machen? Darf man als Aussenstehender über Religion lachen?

Das darf man durchaus. Die Frage ist, auf welche Art und Weise dies geschieht – bleibt es humorvoll oder gleitet es in eine Diffamierung über. Als ich mit einem ultra-orthodoxen Juden über die Zulässigkeit von Humor im Judentum sprach, entgegnete mir dieser, dass es die jüdische Gemeinschaft ohne Humor gar nicht mehr geben würde. Die Schwierigkeit liegt darin auszumachen, wann es ins Antisemitische abgleitet. Letztlich geht es darum, worauf der Humor abzielt. Ein religiöser Witz ist dann nicht mehr legitim, wenn er für die Betroffenen verletzend wirkt.

Christoph Peter Baumann

Der Religionswissenschaftler ist Gründer und Leiter der Informationsplattform «Inforel – Information Religion». Seine Forschungsschwerpunkte liegen in Fragen zu Gegenwartsreligiosität und Volksglauben.

Buchhinweis

Christoph Peter Baumann: «Humor und Religion. Worüber man lacht – oder besser nicht», Kreuz Verlag, 2008.

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