«Ich kann mit einem Mausklick Freundschaften auslöschen»

Manchmal kommt die Mitteilung per SMS, manchmal per Telefon: «Ich will mit Dir nicht länger zu tun haben.» Tausende von Menschen brechen jedes Jahr ohne Begründung den Kontakt zu Nahestehenden ab. Zurück bleibt Verstörung und Wut. Tina Solimann hat mit Verlassenen und Abbrechern gesprochen.

Zwei Bahngleise, die sich trennen.

Bildlegende: Wenn Menschen den Kontakt plötzlich abbrechen, trennen sich Wege, die zuvor gemeinsam begangen wurden. Colourbox

Tina Soliman, wir leben in einer Zeit der Vernetzung: Über die sozialen Medien kommunizieren wir rund um die Uhr mit unserer Umwelt. Heisst das, radikale Kontaktabbrüche sind seltener geworden?

Tina Soliman: Nein, im Gegenteil, sie nehmen zu. Die neuen Medien machen den Abbruch einfacher: Ich kann mit einem Mausklick eine Freundschaft auslöschen, E-Mails ignorieren oder eine kryptische SMS schreiben.

Unsere heutige Kommunikation ist völlig gestört. Eine menschliche Beziehung erfordert viel Aufmerksamkeit und Zeit. Und wer hat heute noch Zeit? Auch herrscht der Glaube vor, man habe alle Optionen: Wenn der eine nicht passt, nimmt man einfach den nächsten. Menschen sind vermeintlich austauschbar geworden. Die Bereitschaft, an einer Beziehung zu arbeiten, ist deutlich geringer geworden. All dies ebnet den Boden für Kontaktabbrüche.

Gibt es statistische Zahlen zum Kontaktabbruch?

Nein. Als ich mich 2006 erstmals damit beschäftigte, gab es nicht einmal ein Sachbuch zum Thema. Aus den vielen Briefen, die ich erhalten habe und aus Gesprächen mit Betroffenen würde ich aber sagen: Am meisten geschehen Kontaktabbrüche innerhalb von Familien – und da sind es vor allem die Töchter, die mit ihren Müttern brechen.

Für die meisten Verlassenen kommt der Kontaktabbruch offenbar aus heiterem Himmel. Sie haben keine Ahnung, warum sie plötzlich in Ungnade gefallen sind.

Das zeigt die unterschiedliche Wahrnehmung. Eine Funkstille erfolgt nie «aus heiterem Himmel», sondern ist stets die Konsequenz aus einem wachsenden Unbehagen. Abbrecher haben mir immer wieder bestätigt, sie hätten unzählige Zeichen gesendet.

Nur wenn man mit Betroffenen über einen langen Zeitraum spricht – ich habe das zum Teil über vier, fünf Jahre getan –, wird deutlich, wo die Knoten in den Beziehungen früher waren. Oft spielen ungleiche Machtverhältnisse eine wichtige Rolle: Die Verlassenen waren vielleicht sehr dominant.

Für die Verlassenen kann die Erfahrung, so radikal abgewiesen zu werden, dramatische Folgen haben: Sie verlieren nicht selten den Boden unter den Füssen, brauchen professionelle Hilfe. Eine Betroffene fasst ihre Situation so zusammen: «Ich fühle mich in die Rolle einer Schuldigen gedrängt – ohne das Delikt zu kennen.»

Verlassene durchlaufen tatsächlich Phasen wie bei einem Trauerprozess. Wut, Verzweiflung, Resignation wechseln sich ab, bis man – so wäre es bei einem Todesfall – vielleicht eines Tages endlich abschliessen könnte. Das Schreckliche bei der Funkstille ist aber, dass man nicht abschliessen kann, weil der Mensch ja noch da ist.

Ich kenne Verlassene, die seit 10, 20 Jahren die Frage beschäftigt, warum der Vater, die Schwester, der Freund nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen. Es ist ein starker Angriff auf das Selbstwertgefühl. Diese Abwehr ist massive psychische Gewalt. Ärzte und Psychologen bestätigten: Es gibt nichts Schlimmeres als die Funkstille – ausser Mord, also die totale Vernichtung.

Ist denn starke Aggression gewollt? Geht es bei Kontaktabbruch auch um Rache oder Bestrafung?

Nein, meistens nicht. Es ist ein Notsignal. Es kann auch Notwehr sein – eine Waffe, um sich aus einer unerträglichen Situation zu befreien. Und der Abbrecher leidet nicht weniger als der Verlassene. Übrigens tun beide etwas gegen Kontakt und Nähe: der Abbrecher wie auch der Verlassene.

Ich gebe zu: Anfangs dachte ich, wer den Kontakt ohne Begründung abbricht, ist einfach nur feige. Aber dann haben sich bei mir viele Abbrecher gemeldet. Ich habe erfahren, dass sie häufig sehr unsicher sind, eine grosse Not haben und viel Kraft aufbringen müssen für dieses Schweigen.

Es geht auch nicht so sehr um den anderen, sondern primär darum, sich selber zu schützen. Die meisten denken nicht unbedingt daran, es für immer zu tun. Sie wollen vorerst in Ruhe über die Beziehung nachdenken. Deshalb ist es auch falsch, wenn Verlassene ständig nachhaken und Antworten einfordern; die Reaktion auf diesen Druck ist nur noch grössere Abwehr.

Man kann jedem Verlassenen nur raten, sich zu gedulden und die Zeit der Funkstille als Pause zur Reflexion nutzen. Vielleicht gibt es einmal eine Chance, die Beziehung zu einem späteren Zeitpunkt unter anderen Vorzeichen wieder weiterzuführen.

Tina Soliman

Die deutsche Journalistin und Buchautorin Tina Soliman wurde 1966 geboren. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.

Buchhinweise

Tina Soliman: «Der Sturm vor der Stille. Warum Menschen den Kontakt abbrechen». Klett Cotta, 2014.

Tina Soliman: «Funkstille. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen». Klett Cotta, 2012.

Sendung zu diesem Artikel