«Ich kenne keine Pfarrei, die Homosexuelle diskriminiert»

Die Aussagen zur Homosexualität von Generalvikar Martin Grichting in der Sternstunde Religion haben Empörung ausgelöst. Der Theologe Bruno Fluder entgegnet, dass die Lehre in diesem Punkt wandelbar sei. Und er kritisiert, dass die katholische Kirche Homosexualität immer noch als Krankheit ansehe.

Zwei Männerhände, die gemeinsam ein Gebetsbuch halten.

Bildlegende: Der Vatikan tut sich nach wie vor schwer mit Homosexuellen in der Kirche. Viele Katholiken in Europa denken aber anders. Getty Images

Herr Fluder, die Lehre der römisch-katholischen Kirche besagt: «Homosexuelle Handlungen können in keinem Fall gebilligt werden».

Das ist korrekt. Was Herr Grichting in seinen Aussagen aber nicht berücksichtigt, und das ist theologisch argumentativ unlauter: Es gibt eine Hierarchie der Aussagen der katholischen Lehre. Aussagen über Homosexualität sind weit unten anzusiedeln. Sie sind in keiner Art und Weise dogmatisiert worden und können sich wandeln.

Was meinen Sie mit «dogmatisiert»?

Die Aussagen zur Homosexualität sind zwar offiziell gültige Morallehre. Aber dogmatische Aussagen sind höher angesiedelt. Nur was von einem Papst ex cathedra oder von einem Konzil verabschiedet wurde, ist unwandelbar. Davon sind Aussagen zur moralischen Interpretation von homosexuellen Handlungen nicht betroffen.

Ist das Ihre Privatmeinung oder die Einschätzung der Kirche?

Die Lehre von der Hierarchie der theologischen Wahrheiten gehört zur Lehre der römisch-katholischen Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt dies in der Nr. 11 des Ökumenedekrets.

Die Bischofssynode hat im Oktober 2014 festgehalten, dass «Frauen und Männer mit homosexuellen Tendenzen mit Achtung und Feingefühl» aufgenommen werden müssen. Versöhnt Sie das?

Das finde ich anständig, aber nicht mehr. Implizit wird da gesagt: Mit Kranken muss man anständig umgehen. Es bleibt der Unterton: Homosexualität ist eine Krankheit, die geheilt oder ausgehalten werden muss.

Welches ist die Sicht der Forschung?

Die katholische Lehre ignoriert die Ergebnisse der Humanwissenschaften. Homosexualität ist eine Spielart der menschlichen Sexualität. Sie ist konstant zu finden in der gesamten Geschichte der Menschheit, in allen Kulturen und zwischen den Geschlechtern. Von der Gesamtbevölkerung ist ein Anteil von fünf bis zehn Prozent homosexuell veranlagt.

Viele homosexuelle Menschen fühlen sich dennoch mit der katholischen Kirche verbunden?

Ganz klar. Homosexuelle sind durch die schon in der Jugend erfahrene Diskriminierung oft sozial sensibler und suchen expliziter nach der Sinnhaftigkeit des Lebens. Da liegt Religiosität und auch Kirchennähe auf der Hand. Zudem kenne ich keine katholische Pfarrei, die Homosexuelle diskriminiert.

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Das heisst, die offizielle Lehre der Kirche wird kaum akzeptiert.

Unter den Katholikinnen und Katholiken in Europa ist es die Meinung einer kleinen Minderheit.

Wie viele Mitglieder zählt ihr Verein «Adamim – Verein Schwule Seelsorger Schweiz»?

Aktuell etwa 50 Männer. Sie sind hauptsächlich römisch-katholisch, aber auch Mitglieder von anderen christlichen Kirchen. Praktisch alle sind kirchliche Mitarbeiter, gut ein Drittel davon sind katholische Kleriker. Man muss zudem wissen, dass viele homosexuelle Priester konservativ sind und nicht bei uns Mitglied werden wollen, da wir ein progressives Image haben.

Diese homosexuellen katholischen Priester und kirchlichen Mitarbeiter schweigen gegenüber ihren Oberen?

Ja.

Sie persönlich haben als Pastoralassistent in den Bistümern St. Gallen und Basel gearbeitet und dabei offen zu Ihrer Homosexualität gestanden. War das kein Problem?

Nein, nie. Ich lebe nicht in einer Partnerschaft und habe damit wohl keinen Anlass für eine moralische Verurteilung gegeben. Ich habe immer gesagt: Sobald unter meiner Türglocke ein zweiter Männername steht, kommt ein Generalvikariat und beschwert sich über meine Lebensform. Ansonsten sind sie dankbar für meine Mitarbeit.

Rechnen Sie anlässlich der Bischofssynode im Herbst 2015 mit einer Öffnung gegenüber homosexuellen Menschen?

Nein. Ich sehe keine Anzeichen für eine strukturelle Änderung. Die positiven Aussagen von Papst Franziskus zur Homosexualität freuen mich. Sie sind aber reine Rhetorik geblieben. Papst Franziskus hat sich mehrmals negativ diskriminierend gegenüber homosexuellen Minderheiten geäussert. Zum Beispiel hat er vor einigen Wochen bei einer Audienz die Delegation aus der Slowakischen Republik ermutigt, in einer Abstimmung die Rechte der Homosexuellen zu beschneiden. Als Erzbischof von Buenos Aires hat er den Abstimmungskampf für die Legalisierung der homosexuellen Partnerschaften als des Teufels bezeichnet.

Zur Person

Zur Person

Der Theologe Bruno Fluder ist Öffentlichkeitssprecher von Adamim – Verein Schwule Seelsorger Schweiz. Von 1995 bis 2011 hat er als Pastoralassistent in verschiedenen Pfarreien der katholischen Kirche gearbeitet. Fluder ist Mitglied der Synode der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern.

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