«Im Chat muss man niemandem etwas ins Gesicht sagen»

Nach der Schule geht der Tag im Chat weiter: Jugendliche verbringen fast jede freie Minute in den sozialen Medien. Sie schicken sich Hausaufgaben, flirten und hänseln. Der Ton ist häufig brutal. Ein Vater und seine Tochter haben darüber einen Chat-Roman geschrieben. Ein Interview mit der Autorin.

Zwei Mädchen sitzen Rücken an Rücken auf einem Bett und halten Smartphones in der Hand.

Bildlegende: Wenig Zeit für die Realität: Viele Jugendliche leben einen grossen Teil des Lebens online. Keystone

Mirjam – es ist nicht alltäglich, dass Vater und Tochter zusammen einen Krimi schreiben …

Mirjam Klaus: Nein, das ist es nicht :-) Aber es hat grossen Spass gemacht und wir haben uns wunderbar ergänzt.

Ein Mädchen lehnt an einem Baum, ein Smartphone in der Hand.

Bildlegende: Die 16-jährige Autorin Mirjam Klaus hat die Chat-Sprache drauf – ihr Vater hat die Handlung vorangetrieben. SRF

Was heisst das?

Ich hab die Chatsprache drauf und mein Vater hatte immer den Spannungsbogen und Zeitplan im Blick.

Euer Roman ist in Form eines Klassenchats geschrieben … du bist 17, kennst diese Chats und hast die Sprache drauf. War dein Vater nicht schockiert über die vielen F- und anderen Schimpfwörter?

Absolut! Er ist mit Goethes Sprache aufgewachsen ;-)

Gab's zwischendurch auch mal Zoff zwischen euch?

Eigentlich nicht. Manchmal haben wir an gewissen Szenen rumdiskutiert.

Ich habe in eurem Chat-Roman erfahren, was so läuft in diesen Klassenchats. Das ist zum Teil richtig krass. Da wird ausgeteilt, fertig gemacht – es fallen sexistische und rassistische Sprüche. Alles wie die Chats im richtigen Leben?

Es ist ein Roman und da ist alles immer ein bisschen überspitzt dargestellt. Aber auch im richtigen Leben gehen Jugendliche oft so miteinander um. In den Chats ist es aber schlimmer als auf dem Pausenplatz, denn dort traut sich jeder zu sagen was er will. Man muss es niemandem direkt ins Gesicht sagen.

Was steckt für eine Message hinter eurem Buch?

Der Roman zeigt die Chancen und Risiken des Chattens. Er führt der älteren Generation vor Augen, wie die Jugend heutzutage kommuniziert.

Dann richtet sich das Buch vor allem an die Älteren (so ab 40, nicht wahr ;-)) – vor allem an Eltern und Lehrpersonen. Gibt es denn ein Interesse von dieser Seite?

Ja, und viele Personen, die es gelesen haben, waren begeistert. Endlich konnten sie sich etwas darunter vorstellen! Das Magazin Bildung Schweiz hat sogar eine Rezension gebracht.

Es ist ja ein wichtiges Thema, denn es geht unter anderem um «Cyber-Mobbing». Aber sag mal … wenn du jetzt Mutter einer 16-jährigen Tochter wärst … Was würdest du tun? Hin und wieder mal ihr Handy klauen und nachschauen, was da so läuft?

Nein, auf keinen Fall! Sie soll vertrauen zu dir haben, so dass sie im Ernstfall zu dir kommt und mit dir darüber redet.

8I – Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Man sollte mit seinem Kind regelmässig über seine Chat-Erfahrungen diskutieren und dann notfalls eingreifen.

OK. Hast recht. Wieviel Zeit verbringst du täglich in Chat-Gruppen, Mirjam?

Recht viel. Vermutlich etwa eine halbe bis eine Stunde ;-)

Geht ja noch.

Ja, ich habe meinen Konsum gedrosselt. :>

Und so ein Klassen-Chat hat ja sicher auch viele Vorteile …

Absolut! Man kann sich jederzeit über Hausaufgaben austauschen und sogar Bilder davon schicken. Man kann Trost suchen oder einfach nur plaudern, denn es ist immer jemand erreichbar. Und ein spontanes Abmachen ist viel einfacher, denn man muss nicht jeden einzeln anrufen :-)

Was passiert eigentlich mit dir, wenn der Akku deines Smartphones mal leer ist?

Dann habe ich viel Zeit.

Zeit für was?

Um Dinge im realen Leben zu machen. Hausaufgaben, Bücher lesen, mit meiner kleinen Schwester spielen, Sport ...

Zurück zum Roman: Haben ihn deine Grosseltern gelesen? Wenn ja, was haben sie gesagt?

Meine Oma hat ihn gelesen und hat immer wieder angerufen, sie hätte jetzt wieder zwei, drei Seiten geschafft. Aber ich glaube, es war zu derb für sie. Meine andere Oma hat sich die Smiley Liste kopiert :P

:D – und sonst … welche Reaktion hat dich am meisten gefreut?

Mich hat vor allem gefreut, dass der Lektor vom Cosmos Verlag dieses unverschämte Buch drucken wollte. Als mein Deutschlehrer von dem Buch erfahren hat, war er ebenfalls begeistert und wir lesen es nun in der Klasse unter dem Thema Briefromane.

Gratuliere! Ich danke dir ganz herzlich für dieses Chat-Interview und lass deinen Vater grüssen. bb

Ich danke auch ganz herzlich für den unterhaltsamen Chat. Liebe Grüsse Mirjam

Literaturhinweis

Mirjam Klaus und Gregor Klaus: «Der Chat», Cosmos Verlag, 2015.

Smiley-Liste

:-) Lachen

;-) Zuzwinkern

8I Erstaunen

:> Sarkastisches Lächeln

:P bääh (Zunge zeigen)

:D lautes Lachen

Bb Bye Bye

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