Im Rohstoffhandel wird geschwiegen – das soll sich ändern

Einer der bekanntesten Rohstoffhändler war Marc Rich. Er flüchtete einst durch das Klofenster vor einem Journalisten. Rich scheute die Öffentlichkeit mehr als alles andere, das ist durchaus typisch für die Rohstoffbranche. Doch die Forderung nach Transparenz wird immer lauter.

Hafen bei Nacht, Verladung von Containern

Bildlegende: Welche Waren den Besitzer wechseln und wieviel davon und wer letztlich das Geld erhält, ist nicht immer transparent. Getty Images

Die Szene in einem Zuger Restaurant war skurril. Marc Rich, die grosse, fast übermächtige Figur des Rohstoffhandels in der Schweiz, sass an seinem Tisch, als sich ein Journalist der Washington Post näherte und ihn ansprach.

sw-Portrait Marc Rich mit dicker Zigarre

Bildlegende: Marc Rich, sagenumwobener und sehr diskreter Rohstoffhändler. Transparenz war ihm ein Graus. Keystone

Marc Rich erhob sich, sagte, er müsse nur kurz auf die Toilette, kletterte durchs Klofenster auf die Strasse und stob davon. Das war in den 1990er-Jahren.

Heute ist Marc Rich tot, das Klofensterchen kann bei einem Stadtrundgang in Zug besichtigt werden, es sorgt für Amusement. Doch viele, die in der Rohstoffhandelsbranche arbeiten, würden es Marc Rich nachtun, wenn es drauf ankommt.

Anschein der Legalität

Das Direktorium der Rohstofffirma Philia würde sich vielleicht genau so verhalten. Die Firma macht Geschäfte mit der kongolesischen Raffinerie Coraf. Die Coraf wird vom Sohn des kongolesischen Präsidenten, Christel Sassou Nguesso geleitet und hat der Philia Blankokredite gewährt. Dadurch konnte Philia als Zwischenhändlerin zwischen der Coraf und anderen Käufern auftreten. Sie strich Milliardengewinne ein. Der kongolesische Staat und auch die Bevölkerung des Kongo sahen vom vielen Geld weder die Gewinne noch die Steuern.

Philia ist nur ein Beispiel von vielen, schreibt die Entwicklungsorganisation «Erklärung von Bern», für «manipulierte Rohstoffverträge, die den Anschein der Legalität wahren» und zu nichts anderem dienen, als die Eliten in den Ländern zu bereichern – und die Händler im reichen Norden.

Sprechende Zahlen

Die Zahlen sprechen für sich. 2001, so die Berechnungen der Schweizer Nationalbank, betrugen die Nettoerlöse der Rohstoffbranche in der Schweiz 1,3 Milliarden Franken, zehn Jahre später waren es 20 Milliarden Franken. In der gleichen Zeitperiode hat sich die Lage der Bevölkerung im Kongo kaum verbessert, in Angola, so der Bericht von «Global Witness», sind allein zwischen 1997 und 2002 vier Milliarden Dollar an Erdöleinnahmen verschwunden.

Und in fast allen der rohstoffreichen Länder Afrikas sind Bürgerkriege entflammt. Die Entdeckung von Rohstoffen, schreibt Paul Collier, der renommierte Ökonom an der Columbia University, erhöht das Risiko bewaffneter Konflikte von einem halben Prozent auf 23 Prozent.

Die Bürgerkriege in Liberia, im Kongo, in der Zentralafrikanischen Republik, im Sudan, in Angola, in Sierra Leone, darin sind sich die Experten einig, sind Rohstoffkriege. Kriege, die geführt werden, weil sich rivalisierende Eliten die Einkünfte aus der Gewinnung und dem Handel von Diamanten, Gold, Öl sichern wollen.

Das Problem erkannt

Der Bundesrat und die Europäische Union, die USA und Kanada haben das Problem erkannt – teils auf massiven Druck von Nichtregierungsorganisationen. Der amerikanische Dodd-Frank Act verpflichtet Rohstofffirmen zur Abgabe eines jährlichen Berichts, in dem Zahlungen an ausländische Regierungen offengelegt werden müssen.

In eine ähnliche Richtung gehen die Transparenzrichtlinien der EU. Auch der Bundesrat hat mit der Revision des Aktienrechts, das im November 2014 in die Vernehmlassung ging, einen Schritt in die selbe Richtung getan. Allerdings sollen die Transparenzvorschriften nur für rohstofffördernde Unternehmen gelten, nicht für den Rohstoffhandel; eine Einschränkung, schreibt der aussenpolitische Think Tank «foraus», der dieses Gesetz zu einer «Alibi-Übung» verkommen lässt.

Einmal mehr, so ist abzusehen, wird sich die Schweiz erst auf Druck der EU und der USA bewegen; einmal mehr wird man in Bern erst dann zur Tat schreiten, wenn der Schweiz ein Reputationsschaden droht. Bis dahin fliessen die Gewinne: Von den machtgierigen, korrupten Eliten überall auf der Welt wandern sie über Zwischenhändler direkt in die Rohstoffhandelszentren Genf und Zug, wo ein Fünftel des weltweiten Rohstoffhandels abgewickelt wird.

Andere Zeiten

Demonstration gegen undurchsichtige Investments von Marc Rich mit überdimensionalen Strohpuppen 1992 vor dem Firmensitz in Zug.

Bildlegende: Demonstration gegen undurchsichtige Investments von Marc Rich 1992 vor dem Firmensitz in Zug. Keystone

Dem «Rohstoffhandel blüht das Schicksal der Finanzbranche», titelte die Handelszeitung kürzlich. Auch letztere hat sich jahrelang unter dem Deckmantel des Bankgeheimnis gegen mehr Transparenz gewehrt, bis es fast zu spät war. Marc Rich, der mit dem Ölhandel reich geworden ist – brüstete sich stets damit, dass er sich um alle Embargos und alle Restriktionen der UNO, der USA und anderer foutierte. Er handelte mit Öl aus dem Iran trotz Sanktionen, er handelte mit dem Apartheidregime in Südafrika, sein Auge fix auf das Gewinnkonto gerichtet.

Marc Rich, der Klofensterflüchtling, er wusste, dass er in der Schweiz einen sicheren Hafen hatte, einen Ort, von dem aus er schalten und walten konnte wie er wollte. Verurteilt wurde er für dieses Gebaren dann in den USA, in der Schweiz dürfte er auch heute noch straflos ausgehen.

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