Aufgepasst! Zagrebs «Touristenschreck» lässt es täglich knallen

Herrliche Segelreviere, preiswertes Essen, freundliche Leute: Die Küsten Kroatiens wie auch seine Hauptstadt Zagreb ziehen Touristen en masse an. Wenn diese durch die pittoresken Gassen Zagrebs schlendern, jagt ihnen ein Mann täglich einen Schrecken ein: der Kanonier von Zagreb.

Der Lotrsak-Turm in Zagreb.

Bildlegende: Ein ganz normaler Turm, aus dem es täglich knallt: Der Lotrščak-Turm in Zagreb. Reuters

Es ist Mittagszeit in Zagreb. In den pittoresken Gassen summt es wie in einem Bienenstock. An der kleinen Standseilbahn, die die Touristen hinauf zum Barock-Ensemble des St.-Markus-Platzes und zu den Resten der alten Stadtmauer bringt, staut es sich. Das blaue Bähnlein braucht gerade mal 54 Sekunden bis in die Oberstadt.

Alem Tutundžić vor dem Turm.

Bildlegende: Bei seinen beiden Jobs geht es heiss her: Alem Tutundžić ist Heizungsinstallateur und Kanonier. Bojana Radetic Turk

Unter den Passagieren bemerke ich einen Mann in T-Shirt, kurzer Hose und mit Dreitage-Bart. «Ich beobachte gern die Leute, die aus aller Welt zu uns kommen. Es ist jedes Mal so, als würde ich selbst eine kleine Reise machen», sagt er.

Alem Tutundžić ist 37 Jahre alt. Ob er als Reiseführer arbeite, will ich wissen. «Nein», sagt er. «Ich bin der, der den Tag in zwei Hälften schneidet!» Als er mein fragendes Gesicht sieht, muss er lachen: «Ich bin Kanonier und gerade auf dem Weg zur Arbeit. Ich muss zum Lotrščak-Turm.»

Kann eine Kanonenkugel einen Braten halbieren?

Für uns Zagreber gehört die Kanone im Turm über dem einstigen Lotrščak-Stadttor so zum Leben, dass wir sie schon gar nicht mehr hören. Seit ich denken kann, erschallt jeden Mittag der dumpfe Knall, der über die ganze Stadt hallt, die Tauben aufflattern lässt und Touristen erschreckt. Bisher dachte ich, das Ding gehe automatisch los. Aber dass es tatsächlich einen Kanonier von Zagreb gibt?

Alem lädt mich ein, ihn zu begleiten. 77 knarrende Stufen geht es den Turm hinauf. Als einst die Türken die Stadt belagerten, sollen die Zagreber mit der Kanone den Mittagsbraten des Sultans halbiert haben. Angesichts der Präzision des Schusses sollen die Türken damals geflohen sein. Eine Legende.

Die Kanone wurde 1876 angeschafft, um den Zagreber Glocken anzuzeigen, wann genau Mittag ist. Inzwischen wird längst mit einer moderneren Waffe geschossen, sagt Alem: «Die heutige Kanone kam 1987 hierher. Es ist eine amerikanische Kanone aus dem Jahr 1943.»

«One Minute to shot, please!»

In seinem wirklichen Leben arbeitet Alem Tutundžić als Heizungsinstallateur für einen Kommunalbetrieb der Stadt. Kanonier ist er nur ehrenamtlich. Hinter einer Glasscheibe stehen Touristen und sehen Alem bei den Vorbereitungen zu. Alem gibt ein paar Kindern ein Zeichen: «Ich mag Kinder. Denen ist es egal, ob ich mein historisches Kostüm anhabe, eine blaue Uniformjacke mit gelben Knöpfen. Die freuen sich einfach nur auf den Knall.»

Er wirft einen Blick auf eine Digitaluhr. Der Countdown läuft. Alem legt eine Kugel aus Pappe mit 100 Gramm Schiesspulver in die Kanone. Dann ruft er: «One minute to shot, please!»

Es gibt einen furchtbaren Knall. Aus dem Turm schiesst ein Feuerstrahl. Das Echo wird von den umliegenden Bergen zurückgeworfen und rollt über die Stadt. Die Glocken beginnen zu läuten. «Na», fragt er. «Glaubst du mir nun?» Ich nicke, während Alem die Fenster öffnet und sich den Zuschauern zeigt wie der Papst in Rom. «Winken Sie mir!», ruft er hinunter. Die Leute lachen, jubeln ihm zu. Er winkt zurück. Der Tag ist geteilt, wie der Braten des Sultans in der Legende.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 27.07.2014, 17:40 Uhr.

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