Die singende Seele von Marseille

Trotz Schmerzen singt Jeannine Denis stundenlang am Vieux Port in Marseille. Passanten waren anfangs verärgert, sind aber längstens erweicht. Und nicht nur das: Sie fragen die Strassenkünstlerin inzwischen gar um Lebensratschläge.

Eine ältere Frau steht einem Hafen, sie hat ihre Arme ausgestreckt und singt.

Bildlegende: Sie ist Stammgast am Vieux Port in Marseille: Sängerin Jeannine Denis. SRF/Ursula Duplantier

«Guten Tag, meine Damen und Herren. Ihre junge Sängerin Jeannine Denis, 18 Jahre in ihrem Herzen, wünscht Ihnen viel Glück und Gesundheit», begrüsst eine 70-jährige Frau mit beigem Sommerkleid und dazu passendem Hut die Spaziergänger, die an diesem Sonntagnachmittag in Marseille um das rechteckige Hafenbecken flanieren. Mit energischer Stimme beginnt sie mit einem Liebeslied von Edith Piaf.

Hingabe für ein imaginäres Publikum

A cappella trägt Jeannine Denis mit viel Mimik, ausladenen Gesten und einem leichten Vibrieren in der Stimme, ihre Chansons vor. Auch wenn sie zunächst nicht gross beachtet wird, singt sie voller Hingabe für ein imaginäres Publikum und winkt der weiss-blauen Bimmelbahn zu, die am Vieux Port vorbeifährt.

«Wenn ich draussen bin und singe, fühle ich mich wie ein anderer Mensch. Ich schäme mich für nichts», lächelt sie. Dann vergisst die Rentnerin ihre Krampfadern und Rückenschmerzen und dass sie zu 80 Prozent als «schwer behindert» eingestuft ist. Stunde um Stunde kann Jeannine so stehen und singen.

Laute Stimme und offenes Ohr


Wie Jeannine Denis singt und spricht.

3:38 min, aus Kultur kompakt vom 22.07.2015

Ihr ältester Sohn hatte sie schon immer zum Singen ermutigt. Den Schritt auf die Strasse wagte sie vor 17 Jahren, als sie keine Kraft mehr zum Putzen hatte, mit dem sie ihre karge Rente aufbesserte. Zunächst sang sie Opern und ruinierte sich damit ihre Stimmbänder. Dann nahm sie Gesangsunterricht und singt heute eine Stimmlage tiefer.

Nur noch selten hört sie Sätze wie «Hau ab» oder «Du kannst nicht singen». Voller Anerkennung und Respekt bleiben die Passanten stehen und werfen eine Münze in die silberne Schale, die vor ihr steht. Ab und zu vertrauen einige Frauen Jeannine auch ihre Sorgen an und fragen, ob sie ihnen nicht die Karten lesen kann. «Nur Mut, meine Liebe, ich weiss, das Leben ist hart», ermutigt die Sängerin sie dann.

Eine Frau steht an einem Hafen und singt. Im Hintergrund sieht man Boote und Häuser von Marseille.

Bildlegende: Früher riefen die Passanten «Hau ab!», heute hat Jeannine den Vieux Port erobert. SRF/Ursula Duplantier

Singen als Therapie

Vielleicht spüren diese Frauen, dass Jeannine wie sie schwere Zeiten durchgemacht hat. Die Sängerin litt so sehr unter ihrer Ehe, dass sie immer wieder Krampfanfälle bekam. Mit ihrem ehemaligen Mann hatte sie fünf Kinder, von denen eines an einer Krankheit starb. «Mein Mann war sehr hart», erinnert sie sich mit Schrecken. «Ich durfte kein Spielzeug kaufen und er schlug die Kleinen mit einem Armee-Gürtel. Ich stellte mich dazwischen und bekam genauso viel ab.»

Seitdem sie singt, sind ihre Krampfanfälle seltener geworden. Das Singen ist wie eine Therapie, erzählt sie: «Ich bin eine sehr sensible Person und steckte alles ein, ohne es nach aussen dringen zu lassen. Durch den Gesang lasse ich die Dinge raus.»

Von der Strasse in den Konzertsaal

Hier am Vieux Port in Marseille fühlt sich die Sängerin wohl. Mit der neu renovierten, breiten Fussgängerzone und der prächtigen Basilika in ihrem Rücken, die von ihrem Hügel herab über sie und die Stadt wacht. Ihre vier Kinder und Enkel sind stolz auf sie und unterstützen sie so gut wie möglich.

Jeannines grosser Traum ist es, einmal in einem richtigen Konzertsaal aufzutreten, um zu sehen, ob sie auch ein solches Publikum mit ihrem Gesang unterhalten kann. Auf der Strasse hat sich Jeannine Denis ihren Platz schon erobert. Solange der Gesang etwas einbringt und gut ankommt, will sie weitermachen.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 22.07.2015, 17:45 Uhr

Sommer-Serie «Im Schatten von»

Die Korrespondenten von SRF Kultur erzählen Geschichten von Menschen aus aller Welt, die im Schatten von grossen Wahrzeichen stehen. Vom 13. bis zum 31. Juli, immer wochentags um 17:45 Uhr auf SRF 2 Kultur zu hören.

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