Ein Architekt plaudert aus dem «Schatzkästchen» des Islam

Der Felsendom in Jerusalem ist eines der wichtigsten Heiligtümer des Islam. Architekt Bassam Hallak geht dort täglich ein und aus – nicht nur, um zu beten. Als Architekt kümmert er sich um die Restaurierung der Mosaiken am alten Gebäude und beobachtet Touristen beim Selfiemachen.

Zwei Frauen mit Kopftuch fotografieren den Felsendom aus der Nähe.

Bildlegende: Während seines jahrhundertelangen Bestehens wurde der Felsendom niemals zerstört, sondern immer nur restauriert. Keystone

Den Strassenlärm, das Gedränge der Altstadtgassen, all das lässt hinter sich, wer den Tempelberg in Jerusalem betritt. Al-Haram al-Sharif nennen die Muslime diesen Ort: das edle Heiligtum. Hier, in dieser Oase mitten in der Stadt, arbeitet Architekt Bassam Hallak. «Jeder Zentimeter ist mir genau gleich lieb; ich bin überall gerne», sagt er über seinen Arbeitsplatz.

Hallak steht mit Sonnenbrille vor dem Felsendom.

Bildlegende: Architekt Bassam Hallak. Christian Wagner

Der Felsendom, die Al-Aqsa-Moschee, die Säulen, Treppen und Gärten – das macht den Haram (den heiligen Bezirk) aus. Insgesamt sind es 14 Hektar, für die Bassam Hallak zuständig ist. Der Architekt, weisses Haar, schwarze Brille, hat seinen Schreibtisch nur ein paar Schritte vom Felsendom entfernt. Er sagt: «Für uns alle ist es ein heiliger Ort des Gebets; natürlich bin ich stolz darauf, dass ich die Renovierungen hier überwachen darf, an diesen alten Gebäuden.»

Besucher aus der ganzen Welt

Der Felsendom stammt aus dem siebten Jahrhundert. Damals und noch viele Jahrhunderte danach besass er die grösste mit Holz errichtete Kuppel der Welt. Seit den 1960er-Jahren leuchtet sie golden. Das jordanische Königshaus hat das Geld dafür zur Verfügung gestellt. Denn nach den Pilgerstätten von Mekka und Medina ist der Haram al-Sharif mit dem Felsendom in der Mitte das drittwichtigste Heiligtum im Islam. Besucher – Muslime und Nicht-Muslime – kommen aus der ganzen Welt.

«Viele Leute verwechseln das ja: Es gibt hier den Felsendom mit der goldenen Kuppel. Daneben gibt es die Al-Aqsa-Moschee mit der grauen Kuppel – die ist im Islam viel wichtiger», sagt Bassam Hallak und fügt an: «Aber ein Heiligtum ist der ganze Berg, beten kann man in der Moschee, im Felsendom oder in den Höfen und auf den Stufen dazwischen.»

Ornamente, Blumen und Früchte

Seit 37 Jahren kommt Hallak an jedem Arbeitstag zum Felsendom – um sieben Uhr in der Früh, wenn nur wenige Muslime zum Beten und noch keine Touristen da sind. Dann schaut er nach, wie weit die Arbeiten an den blauen Fliesenmosaiken unterhalb der Domkuppel sind. «Wir restaurieren jetzt vor allem im Inneren des Felsendoms: Ornamente, Blumen und Früchte. Ausserdem haben wir den Marmor-Boden ausgebessert», sagt Hallak.

Mittags steht die Sonne über Jerusalem fast senkrecht. Dann wirft der Felsendom nur wenig Schatten. Frauen und Kinder sitzen dort und ruhen sich aus, essen etwas. Andere machen direkt vor Bassam Hallaks Bürotür Selfies, die goldene Kuppel im Hintergrund. Sie halten Zettel ins Bild mit Botschaften an Freunde, Geschwister oder Eltern, die keine Genehmigung bekommen haben. Ohne die kommen sie nicht über den Armeecheckpoint nach Jerusalem.

Scherereien mit den israelischen Behörden

Überhaupt werde es immer schwieriger, sagt Bassam Hallak. Selbst wenn Architekten Baumaterial für den Felsendom oder die Moschee auf den Tempelberg bringen wollen, gebe es Scherereien mit den israelischen Behörden. Dennoch kann er sich keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen. Dann verrät er noch etwas: «Wir nennen den Felsendom das ‹Schatzkästchen› des Islam – wunderschön von innen wie von aussen.»

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 29.07.2014, 17:45 Uhr.

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