Ein Arzt heilt Handschriften, den kranken Schatz der Armenier

Unweit der armenischen Hauptstadt Yerewan liegt der Berg Hagthanak. An seinem Fusse steht ein düsteres Gebäude. Die Armenier nennen es «Matenadaran», die Bibliothek. Ein Besuch des Matenadaran steht auf dem Programm aller kulturinteressierten Armenien-Touristen. Denn das Gebäude birgt einen Schatz.

Armen Shakjan vor einem Holz-Kasten.

Bildlegende: Es geht nicht um Leben oder Tod, aber um ein wichtiges kulturelles Erbe: Der Arzt Armen Shakijan rettet Handschriften. Hans-Thilo Folesky

Einsam steht der 52-jährige Armen Sahakijan in der armenischen Ararat-Ebene. Ab und zu bückt er sich, als suche er einen verlorengegangenen Schatz. «Ich suche Koschinill-Läuse», erklärt er sein seltsames Tun. «Ich brauche sie für die Restauration alter Miniaturen.»

Im Dienste der Handschriften

Armen Sahakijan in einem Raum mit steinigen Wänden. Er arbeitet an einem Tisch.

Bildlegende: Eine filigrane Arbeit: Armen Sahakijan in seinem Labor. Hans-Thilo Folesky

Ein paar Stunden später ist Armen Sahakijan in der Hauptstadt Yerewan und erklimmt einen Pfad hinter dem Matenadaran. Das Gebäude birgt eine der bedeutendsten Handschriftensammlungen der Welt. «Ich bin Mitarbeiter der medizinischen Abteilung», erklärt Armen. «Von Beruf bin ich Arzt, heile aber keine Menschen, sondern rette alte Handschriften.»

Im Matenadaran befinden sich Kopien zahlreicher aus dem Syrischen und Griechischen übersetzten Werke. Weil diese seit Jahrhunderten verschollen sind, erhielten die im Matenadaran aufbewahrten Kopien selbst den Status von Originalen – darunter auch die «Hymnen» des Aristoteles oder die «Kategorien» des Bischofs Eusebio von Caesarea. Nicht Gold und Geld gelten den Armeniern als Staatsschatz, sondern die seitdem durch alle Zeitläufte geretteten Handschriften.

Tintenfrass und Schimmelpilz

Doch das Matenadaran hat ein Problem: Während ähnliche Sammlungen in anderen Ländern über ein Millionenbudget verfügen, hat Chefrestauratorin Dr. Gajaneh Eljasijan im Jahr kaum 10'000 Dollar zur Verfügung. Viele der Handschriften sind krank – befallen von Tintenfrass und Schimmelpilz.

Gajaneh Eljasijan erwartet Armen am Ende des steilen Weges. «Während des Genozids an unserem Volk durch die Türken nahmen viele Armenier alte Bücher mit auf ihre Flucht durch die syrische Wüste. Viele Handschriften haben sozusagen auch alle Qualen ihrer Retter miterlitten», sagt die Chefrestauratorin, während Armen uns durch eine eiserne Tür in eine Felsenhöhle führt.

Das Labor in der Felsenhöhle

Eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert. Sie enthält auch farbige Zeichnungen.

Bildlegende: Eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert. Hans-Thilo Folesky

«Mein Labor ist klein. Ich gewinne hier nach uralten Rezepturen aus Pflanzen die Farben zur Restaurierung der Miniaturen. Die Wände habe ich mit Bienenwachs bedeckt, um den Staub besser binden zu können. Bei mir sieht es aus wie in einer Tropfsteinhöhle aus dem Märchen.» Hier produziert Armen Sahakijan die Farben, die Gajaneh Eljasijans Mitarbeiter für die Restaurierung von Miniaturen benötigen. «Die Rezepturen habe ich in uralten Schriften gefunden. Aus den Koschinill-Läusen mache ich Rot. Für Schwarz verasche ich Skorpione. Auch Ameiseneier und Knoblauchsäfte brauche ich.»

Im Matenadaran arbeiten – wie im Mittelalter – noch wahre Meisterkalligraphen. Doch ohne Armen Sahakijan könnten sie kaum uralten und wunderbaren Handschriften restaurieren.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 17.07.2015, 17:45 Uhr.

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