Ein Taxifahrer fotografiert das verborgene Istanbul

Verschleierte Frauen neben Mädchen im Minirock, Moscheen am glitzernden Bosporusufer, Berge von rotem Chili auf dem Basar: Mehr als zehn Millionen Touristen werden jährlich von der Schönheit Istanbuls geblendet. Ein Taxifahrer zeigt die Seite der Stadt, die Besucher meist nicht sehen.

«Ich habe eine extrem starke Waffe in der Hand. Damit kann ich schiessen, wohin ich will ... » Şevket Şahintas, ein kleiner Mann mit Schiebermütze und Lederjacke, grinst freundlich, während er diese Worte sagt.

Wie ein Gewalttäter sieht der 45-jährige Istanbuler nicht aus. Seine «Waffe» ist eine kleine Digitalkamera. «Tausende Menschen machen ständig Bilder von den schönen Seiten Istanbuls», sagt er. «Ich aber fotografiere nicht das, was ich schön finde, sondern das, was gezeigt werden muss.»

Der Taxifahrer steht vor seinem gelben Taxi.

Bildlegende: Sein Blick gilt dem Verborgenen: der Taxifahrer Şevket Şahintas. Luise Sammann

Ein Taxifahrer mit ungewöhnlichem Blick

Şevket Şahintas ist eigentlich Taxifahrer. Wenn er in seinem knatschgelben Fiat auf Touristen wartet, die zur berühmten Hagia Sophia oder ans Bosporusufer wollen, dann unterscheidet er sich nicht von seinen mehr als 40'000 Kollegen, die täglich durch die Strassen Istanbuls kurven.

Und doch ist Şevket einmalig. Denn seit er vor einigen Jahren bei einer nächtlichen Fahrt ein paar frierende Obdachlose unter einer Brücke beobachtete, hat er immer seine Kamera dabei. «Für mich ist Istanbul die schönste Stadt der Welt», sagt er überzeugt. «Jeder sollte sie einmal gesehen haben. Aber sie hat auch ihre Schattenseiten. Und die will ich zeigen.»

Die Schattenseiten beleuchten

Draussen vor dem Fenster dämmert es langsam. Die überfüllten Strassen der 15-Millionen-Metropole leeren sich allmählich. Ein Maisverkäufer schiebt seinen dampfenden Riesenkochtopf nach Hause, die weissen Bosporusfähren, die zwischen Europa und Asien verkehren, schalten ihre Aussenbeleuchtung ein.

Es ist Istanbuls schönste Zeit, findet Şevket Şahintas. Denn es ist die beste Zeit für seine Fotos. «Sehen Sie diesen Mann dort?», fragt er. «Er wärmt sich hinter dem Auspuff der Busse, die hier warten, auf. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, habe ich einen Fahrgast und kann nicht anhalten. Jetzt aber!»

Eine zigarettenlange Geschichte, die sich einbrennt

Şevket nimmt seine Kamera aus dem Handschuhfach und springt aus dem Auto. Mit geschlossenen Augen hat sich der Mann hinter einem Auspuff zusammengekauert. Der Linienbus bläst ihm die Abgase direkt in das faltige Gesicht. Kurz flackert es im Licht der Feuerzeugflamme auf, als Şevket ihm eine Zigarette anbietet. Die Männer kommen ins Gespräch.

Während einer Zigarettenlänge erzählt der Alte seine Geschichte: Erst ging das Geschäft pleite, dann waren Frau und Kinder weg, dann die Wohnung. Şevket schreibt nichts auf. Seine Bilder brauchen keine Worte. Drei Mal drückt er ab. Als Dank lässt er dem Mann seine Zigarettenschachtel da. Mehr kann er nicht tun. Denn Geld verdient er mit seinen Fotos nicht.

In welcher Welt wollen wir leben?

Zurück im Auto wirkt er nachdenklich. «Als ich mit dem Fotografieren anfing, sass ich danach regelmässig hier und weinte», erinnert er sich. Schweigend blickt er hinaus in die Dunkelheit. In der Ferne spannt sich die Bosporusbrücke über das glitzernde Wasser, leuchtet alle paar Sekunden in wechselnden Farben auf. Andere würden genau jetzt ein Foto machen. Doch Şevkets Kamera bleibt im Handschuhfach. «Dieses Istanbul kennen die Leute doch längst», sagt er – und gibt Gas.

Şevkets Fotomodelle sind nicht auf Postkarten und Reiseprospekten zu sehen, die Touristen aus aller Welt an den Bosporus locken. Auch in den Reden der türkischen Politiker, die im Fernsehen von Fortschritt und Moderne sprechen, kommen sie nicht vor. Doch auch wenn Şevket weiss, dass er mit seinen Bildern niemanden wirklich retten kann, so sind sie mehr als nur ein Hobby. «Mit meinen Bildern», so hofft er, «kann ich die Menschen vielleicht wenigstens dazu bringen, kurz innezuhalten und sich zu fragen: In was für einer Welt wollen wir eigentlich leben?»

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 21.07.2015, 17:45 Uhr

Sommer-Serie «Im Schatten von»

Die Korrespondenten von SRF Kultur erzählen Geschichten von Menschen aus aller Welt, die im Schatten von grossen Wahrzeichen stehen. Vom 13. bis zum 31. Juli, immer wochentags um 17:45 Uhr auf SRF 2 Kultur zu hören.

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