Neben ihm verblasst das Brandenburger Tor

Er ist kein Drehorgelspieler, wie er im Buche steht. Zumindest wenn es um die äussere Erscheinung geht. Miloš Kozons Gesicht ist bedeckt mit Tattoos. Für Touristen am Brandenburger Tor ist er ein umschwärmtes Fotomotiv. Doch der Slowake ist mehr als das: Er spielt auch auf der grossen Bühne.

Der Drehorgelspieler umgeben von Touristen.

Bildlegende: Beim Anblick von Miloš Kozon zückt so mancher Tourist seine Kamera. Maximilian Grosser

Hoch oben auf dem Brandenburger Tor thront die Siegesgöttin Viktoria und blickt hinab auf den Trubel zu ihren Füssen. Sie ist ein begehrtes Fotomotiv von tausenden Touristen, die täglich hierher strömen. Mit ihren Kameras und Mobiltelefonen machen sie Selfies für die Erinnerung. Und genauso oft, wie sie das geschichtsträchtige Monument ablichten, schiessen sie Fotos von Miloš Kozon – dem markanten Leierkastenmann vom Brandenburger Tor.

Miloš Kozon ist selbst zu einem Wahrzeichen im Schatten der wuchtigen Säulen des Brandenburger Tors geworden. Mit seinen schwarzen Lackschuhen, dem feinem Tweed-Anzug, Hut und Schleife sieht er aus wie eine Figur aus Alfred Döblins Grossstadt-Hommage «Berlin Alexanderplatz». Sein Kostüm hat er sorgfältig zusammengestellt. Kozon deutet auf seine Füsse: «Das sind Al-Capone-Schuhe», sagt Kozon, «die passen gut zum Kostüm. Ich kann ja hier nicht mit Jeans stehen und Orgel spielen.»

20er-Jahre treffen auf Berliner Clubkultur

Ein beliebtes Fotomotiv ist Miloš Kozon aber nicht nur, weil er mit seiner Kleidung und dem Leierkasten an die verruchten Goldenen Zwanziger Jahre erinnert. Zugleich verkörpert der Drehorgelspieler das Berlin der Technoclubs und Undergroundpartys. Sein Gesicht ist über und über bedeckt mit filigranen Tattoos, Kriegsbemalung neuseeländischer Maori-Ureinwohner. Angst macht es den Touristen nicht, «manche zahlen sogar extra dafür, um mit mir fotografiert zu werden.»

Besucher lieben Miloš Kozon für seinen Auftritt – auch, weil er immer die passende Musik spielt. Trällert seine Drehorgel etwa Komposition vom Walzerkönig Johann Strauss, beginnen Besucher am Brandenburger Tor sogar zu tanzen. Wenn Holländer vorbeikommen, spielt er Klassiker aus Amsterdam. Gespeichert sind die Lieder auf vorgestanzten Papierrollen, gerade hat er erst eine mit Kinderliedern gekauft.

Mit der Drehorgel in der Staatsoper Berlin

Miloš Kozon sitzt auf der Bühne.

Bildlegende: Vom Brandenburger Tor auf die grosse Bühne: Miloš Kozon bei der Probe in der Staatsoper. Vincent Stefan

Miloš stammt ursprünglich aus der Ostslowakei. Ende der 90er-Jahre reiste er mit Schlafsack und ohne Geld quer durch Europa. Frankreich, Italien und Spanien lag auf seiner Route. Am Schluss blieb er in Berlin. Seit der Jahrtausendwende verdient er als Strassenkünstler seinen Unterhalt und inzwischen auch für seine Familie. Vor einiger Zeit hat er mit seiner Frau ein Haus in seiner Heimat geerbt. «Das war ein Grund, dort zu bleiben. Aber das geht nicht, weil es in der Slowakei keine Arbeit gibt.» Und wenn doch, würde er nur 400 Euro verdienen – zu wenig, für seine Familie mit drei Kindern.

Der Job als Leierkastenmann vom Brandenburger Tor bleibt für Miloš Kozon deshalb attraktiver. Eine Rolle, die ihn nun an die berühmte Berliner Staatsoper gebracht hat. Mit seiner Drehorgel hatte er einen Auftritt bei einer Inszenierung der Fluxus-Bewegung, komponiert vom Pionier für Neue Musik Karl-Heinz Stockhausen. Zwischen den wilden, abstrakten Klängen waren immer wieder die traditionellen Töne von Kozons Leierkasten zu hören. Der Titel des Werks hätte besser nicht sein können: «Originale» heisst sie – wie Kozon eines im Schatten des Brandenburger Tors ist.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 15.7.2015, 17:45 Uhr

Sommer-Serie «Im Schatten von»

Die Korrespondenten von SRF Kultur erzählen Geschichten von Menschen aus aller Welt, die im Schatten von grossen Wahrzeichen stehen. Vom 13. bis zum 31. Juli, immer wochentags um 17:45 Uhr auf SRF 2 Kultur zu hören.

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